Südliche Karwendeldurchquerung vor Schneefall

Spätherbst im Karwendel:
Die Wirte verlassen die Hütten, die Hirschbrunft ist vorbei, die noch flammenden Herbstfarben blättern herab und die Wanderer finden sich nur noch zu Tagesausflügen ein. Eine geniale Stimmung für die letzte größere Bergtour der Saison! In einer ausgedehnten 3-Tages-Tour durchwandere ich Mitte Oktober das südliche Karwendel und genieße immer wieder einen weiten Blick übers Inntal in die Zentralalpen.

Walderalm

Startpunkt der Tour am frühen Morgen ist Gnadenwald bei Absam, noch vor Sonnenaufgang steige ich auf zur Walderalm. Während das Inntal noch unter der Wolkendecke schlummert, strahlen mir die weiten Ketten des Alpenhauptkamms im Morgenrot entgegen. Um diese Zeit ist die ohnehin gewaltig gelegene Walderalm kaum zu überbieten!

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Von dort geht es in der kalten Morgenluft auf ausgesetztem Steig ins Vomper Loch, ein schwer zugängliches, einsames Tal, dessen umliegende Gipfel über dem grünen Latschengürtel nun hellgrau strahlen. Am Talboden stehen Buchen und Bergahorne in hellsten Herbstfarben – bis zur phönixhaften Wiedergeburt müssen sie aber erst dem alpinen Winter trotzen.

P1040135Am Talschluss steigt der Weg um fast 1000hm auf 1912m zum „Überschalljoch“, auf dem sich der Blick weit nach Westen hinaus öffnet. Die Etappe hat hier aber ihr Ziel erreicht, das Hallerangerhaus ist nicht mehr weit.

P1040140Am nächsten Morgen gilt es wieder früh aufzustehen und einen besonders markanten Gipfel des südlichen Karwendels zu besteigen:die Speckkarspitze (Ein Name, an dem der Tiroler seine Freude hat: „Speckchkchar“). Der Große und Kleine Lafatscher direkt gegenüber und linkerhand der „Wilde-Bande-Steig“ der zum Stempeljoch hinaufführt erinnern an den frühen Alpinismus und die bergsteigerische Erschließung des endlosen Karwendelkalks.

P1040156Hier nun vom Stempeljoch der Blick zurück auf Speckkarspitze (links), die Bettelwürfe (mitte) und das noch in Wolken liegende Halltal.

P1040162Hinter der Rumer Spitze, direkt über dem Inntal scheint bereits alles auf den Schnee zu warten, auch die Gämsen nutzen die schneefreien Hänge noch einmal, um sich für die Brunft zu stärken.

Ich steige aber ab zur Pfeishütte und genieße ein warmes Abendessen auf meinem Kocher, bevor ich nachts den atemberaubenden Sternenhimmel bewundere.P1040180

Am nächsten Morgen durchwandere ich das Gleirschtal und biege links ins „Kleinkristental“ ein. Über eine abgelegene Alm und vorbei an knorrigen Bergahornen geht es nocheinmal gut 1000hm bergauf, um schließlich die Innsbrucker Nordkette bei der „Frau Hitt“-Scharte von hinten zu überqueren.

P1040184Bevor ich meine Tour nun mit einem Schlenker über den Achselboden beende, vorbei an Steinböcken, die gelassen in der Nachmittagssonne liegen, mache ich nochmal Brotzeit über den Wolken. Das darunterliegende Innsbruck hört man nur entfernt und im Windschatten ist es völlig still – kein Vogel singt, kein Wanderer in Sicht. Nur ein Rudel Gämsen macht kurz Krach, als es eine fast senkrechte Schotterreiße herunterrennt. Die Unausweichlichkeit des Winters schwebte über jedem Moment dieser Tour und lässt mich sprachlos zurück. Unter den Wolken finde ich Komfort statt den erbarmungslosen Naturkräften, die in wenigen Wochen die Gipfel umklammern und seinen Bewohnern alles abverlangen werden. In seiner titanischen Gewalt bleibt der Rythmus der Jahreszeiten rätselhaft für mich: unendlich schön, unendlich fremd.

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6 Kommentare

  1. Wow, so schön! Bin ganz hin und weg von den Fotos! Kannst du mal erklären wie du die Nachtaufnahme gemacht hast? Wahnsinn!

    • Vielen Dank!! Die Nachtaufnahme geht eigentlich ganz einfach – Du brauchst nur ein lichtstarkes Objektiv, also mit einem Blendenwert bei Offenblende von 2,0 oder kleiner (ich habe 1,7). Dann musst Du einfach lang genug belichten, aber nicht zu lang, sonst verschwimmen die Sterne zu kleinen Strichen. Wenn du SEHR lang belichtest, sieht das aber wieder gut aus. Bei dem Foto z.B. habe ich mit einer Blende von f/1,7 und einer Belichtungszeit von 25s und einer Empfindlichkeit von ISO1600 abgedrückt.

      • Danke! Werde das ausprobieren, wenn meine Kamera dazu in der Lage ist.
        Du solltest deinen Blog um Fotografie-Tips erweitern! :)

  2. Unglaublich, dass ich den Blog erst jetzt entdeckt habe.. Sehr schön geschrieben und die wunderbaren Bilder dazu, ich bin mehr als begeistert!! Jetzt wird es wirklich einmal Zeit das wir zusammen wandern gehen. Beste Grüße und schreib weiter solche tollen Beiträge :)

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