Neue Publikation: Philosophie und Spurenlesen

Es ist geschafft! Dank der freundlichen Unterstützung von Familie, Freunden, Bekannten und sogar Unbekannten via Crowdfunding ist mein Buch Spurenlesen. Zur Philosophie der Human-Animal-Studies nun bei Turia+Kant erschienen.

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Dass meine Masterarbeit nun als ordentliches Buch vorliegt freut mich aus mehreren Gründen besonders. Natürlich ist es schön, dass meine Arbeit jetzt auch für den wissenschaftlichen Diskurs zugänglich ist und ich somit einen winzigen Beitrag zum emanzipatorischen Projekt der kritischen Human-Animal-Studies leisten kann. Inhaltlich liegt mir die Arbeit besonders am Herzen, da es mir erstaunlicherweise gelungen ist, diejenigen philosophischen Gedanken, die mich mein ganzes Studium über besonders in Bewegung gehalten haben, hier zusammenzubringen. Gleichzeitig ist sie ein Übergang und legt inhaltlich eine Praxis nahe, der ich mit meiner jetzigen Arbeit als Naturgarten-Planer und Naturführer zu folgen versuche.

So nahe diese Überlegungen mir persönlich sein mögen, ist das Buch doch alles andere als eine Sammlung von „Bekenntnissen“. Stattdessen bemühe ich mich um klare Arbeit am Begriff und entwickle in starker Bezugnahme auf den französischen Philosophen Jacques Derrida ein philosophisches Konzept des Spurenlesens. Durch den radikalen Ansatz mag es sehr Abstrakt scheinen, und für Laien ist der erste Teil des Buches wohl nur schwer verständlich. Ich will daher kurz versuchen, den Ansatz zu skizzieren:

Spuren zu lesen bedeutet immer, die Abwesenheit von etwas zu erkennen – das zugleich in der Spur aber anwesend ist. Die Spur, klassischerweise der Fußabdruck des Rehs im Schnee, liegt vor uns, wir können sie ansehen, daran riechen, sie befühlen – sie lesen. Doch der Urheber dieser Spur, hier das Reh, ist meist weitergezogen und außerhalb unserer Reichweite.
Diese Struktur ist zugleich charakteristisch für vielleicht das grundsätzlichste philosophische Problem überhaupt, nämlich die Frage nach der Wirklichkeit. Während es einige philosophische Richtungen gibt, die der Frage des Anderen keine große Relevanz beimessen, halte ich diese Frage für ein Schlüsselmoment zur Frage nach der Wirklichkeit (mit dieser Frage habe ich mich übrigens auch bei meinem Vortrag an der Uni Innsbruck im Rahmen der HAS-Ringvorlesung beschäftigt). Wie ich auch in meinem Beitrag zum Jahresheft des Outdoorseiten.net-Vereins versucht habe zu zeigen, ist die alltäglich erfahrene „Wirklichkeit“ stets schon bekannt und hat vor allem den Hang, unbekanntes auszuklammern. Zunächst einmal aus rein praktischen Gründen: würde ich am Weg zum Bahnhof jeden Kiesel umdrehen und seine einzigartige Form bestaunen, käme ich niemals pünktlich an. Um mit Dingen fertig zu werden, ja um zu leben, müssen wir vereinfachen und ausblenden, keine Frage. Doch daraus ergibt sich oft ein Trott, der nicht nur die einzelnen Kiesel, sondern auch die Häuser, Bäume und Menschen übersieht – und sich gewaltsam gegen Veränderungen dieses Bekannten (Stichwort „Flüchtlinge“, „Gender“, „Veganer“…) wehrt. Für mich hat „Wirklichkeit“ also einen unscharfen Rand, der stets in Bewegung ist und neu verhandelt wird. Offensichtlich hat dieser Begriff von Wirklichkeit auch eine radikal politische Bedeutung, entscheidet er doch darüber, wer überhaupt ein „wer“ sein kann.

Diesen Bewegungen am Rand der Wirklichkeit nachzuspüren bedeutet Spuren zu lesen: zu sehen, was eine Spur hinterlassen hat, aber doch außerhalb des Bekannten bleibt. Im zweiten Teil meines Buches versuche ich dann, exemplarisch dieses philosophische Konzept des Spurenlesens auf das Feld von Tieren, besonders in Städten, anzuwenden. Die Stadt als rein menschlicher Raum per definitionem ist immer auch Lebensraum für Tiere. Ihre Spuren in den Zentren unserer Welt machen sehr gut deutlich, wie diese Welt funktioniert – und fordern von uns andere Lebensformen, die weniger gewalttätig ausschließend sind.

Spurenlesen. Zur Philosophie der Human-Animal-Studies ist nun für 22 € als Paperback im Handel erhältlich. Über Rückmeldungen und Kritik per Kommentar freue ich mich wie immer.

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