„Strawanzen“ oder: Flanieren im Wald

Die Luft ist trocken und kalt, die Sonne wärmt, der Wald raschelt und leuchtet bisweilen gelb: es ist Herbst geworden. Beschwingt schultere ich den Rucksack und laufe los.

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Die ausgewählte Gegend ist eine unscheinbare Hügelgruppe der Voralpen; nachdem ich den Bahnhof in ihre Richtung verlassen habe bin ich bald der einzige Wanderer an diesem Samstagmorgen. Eine Zeitlang folge ich dem kleinen Wildfluss auf einer breiten Forststraße das Tal entlang. Während zu meiner linken der bewaldete Hügel ansteigt, öffen sich entlang des Baches immer wieder Wiesen, die im Schatten der Bäume schon von Reif überzogen sind. Die Hangkante zum Hügel ist ungewöhnlich steil – sie muss tatsächlich als Prallhang bei Hochwassern der vergangenen Jahrhunderte (und wohl Jahrtausende) vom Bach abgegraben worden sein. Ich folge einem Pfad hinauf und tatsächlich, oberhalb gelange ich auf eine Art Plateau, nur gute zehn Meter höher als der Talboden. Während ich im Wald durch die Bäume auf die Wiese und das Flusstal spähe überlege ich mir: wohin will ich eigentlich gehen? Grob hatte ich mir den Hügelzug als Ziel vorgenommen, aber nur generell als Gebiet und nicht als Zielpunkt. Bevor ich aber bergauf steige, will ich noch dieses Mini-Plateau erkunden, zumal es mehr oder weniger auf dem Weg nach oben liegt.
Also kehre ich dem idyllischen Flusstal den Rücken und stiefle durch das trockene Buchenlaub in den Wald hinein. Allerdings nur wenige Schritte, denn sogleich sehe ich mich von einem etwa zwei Meter hohen Wildzaun aufgehalten. Ich folge ihm einige Zeit um zu sehen, ob sich das eingezäunte Gebiet auch umgehen lässt. Tatsächlich scheint aber das ganze Plateau so eingefasst zu sein. Ein Wintergatter für Rotwild? Es ist aber noch mitten in der Brunftzeit. Vielleicht auch nur ein großräumiger Schutz gegen Wildverbiss? Hinter dem Gatter ist lockerer Buchen-Tannen-Fichten-Wald, mit einer recht üppigen Naturverjüngung. Könnte also sein. Und nun? Drunter oder drüber? Der Zaun ist recht fest gespannt, sodass Hochlupfen schwierig ist. Ich suche ein bisschen nach einem geeigneten Baum in Schräglage und schon habe ich das Hindernis überwunden. Während ich mich hier so umsehe, Augen und Ohren offen, spaziere ich gemächlich zur anderen Seite hinüber. Plötzlich höre ich ein Rascheln, und zwar eines, das nach Hufen klingt. Ich bleibe stehen und lausche; meinen Blick verschiebe ich in den weichen Weitwinkel, sodass mir etwaige Bewegungen im Augenwinkel auffallen. Außer dem Wind in den Wipfeln nichts zu hören. Ich krame etwas in meinem Rucksack und montiere das Tele. Doch nachdem auch nach einer guten Viertelstunde sich nichts regt, packe ich meine Sachen wieder zusammen und gehe achselzuckend weiter durchs lichte Unterholz. Am anderen Ende des „Plateaus“ angekommen ducke ich mich unter dem Zaun durch (bei einem kleinen Bach eine leichte Übung) und sehe nun die Bergflanke steil vor mir aufragen. Im lichten Bergwald leuchten die Bergahorne schon schön herbstlich, die Buchen sind dagegen weniger eindrucksvoll. Der Hang ist mit Himbeersträuchern überzogen und an einigen feuchten Stellen kommt der Fels zum Vorschein. Nach etwas Abwägen, welche Route wohl die geeignetste ist, versuche ich mich an der Besteigung. Teilweise mit Händen und Füßen, aber insgesamt doch erstaunlich flott gewinne ich an Höhe und übersehe bald so einigermaßen in Gänze die eingezäunte Fläche. Keine Fütterungsgebäude, also vermutlich auch kein Wintergatter.
Ein paar Schlucke Wasser und weiter geht es, bergauf. Wie immer sind die am bequemsten zu gehenden Querungen schon von zahlreichen Vierfüßern vorgetreten worden. In meinem Fall auch von Gämsen, wie ich bald feststellen darf. Etwa dreißig Meter oberhalb von mir pfeift mich eine vorwurfsvoll an. Ich nicke ihr beschwichtigend zu und warte geduldig, bis sie ohne übermäßige Eile zwischen den Bäumen verschwunden ist. Dann schaue ich mir an, was sie da genau getrieben hat und versuche ein paar Trittsiegel im Waldboden zu finden. Kurz überlege ich, ob ich die Abdrücke messen und abzeichnen soll, aber dann ist es mir doch etwas zu kühl hier im Schatten. Nicht mehr weit und die Flanke verliert an Steilheit, und ich kann bereits Sonnenflecken im Wald über mir ausmachen. Also gehe ich nochmal eine zeitlang im Zickzack von Baum zu Baum den Berg hinauf und begutachte nebenbei diverse Hinterlassenschaften der Waldbewohner.
Im Sonnenschein zwischen den Baumstämmen kann ich einem Graspolster nicht widerstehen und mache es mir dort gemütlich. Die kleine Wasserflasche neigt sich bereits dem Ende, ich sollte also nun die Augen offenhalten für „free refills“ beim nächsten Bächlein. Nachdem ich einige Zeit gedöst und das allgegenwärtige Rufen der Schwarzspechte verfolgt habe (sowohl die lustigen Baum- und Flugrufe, als auch erstaunlich häufig den Balzgesang – jetzt im Herbst tut sich offensichtlich nochmal was), hänge ich mir wieder den Rucksack um und stolpere nach der nächsten Biegung direkt auf eine Forststraße. Sie führt schlängelnd den Rücken weiter hinauf und längs entlang, also folge ich ihr einige Zeit.

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Doch der befestigte Weg beschleunigt nicht nur das räumliche Vorankommen, er entbindet auch das Bewusstsein von seiner Aufgabe auf die Füße aufzupassen, sodass es fröhlich beginnen kann, Gedanken zu spinnen. Irgendwo habe ich gelesen, dass Descartes dualistischer Trennung von Geist und Materie der Ausbau der Straßen und die Entwicklung fest besohlter Schuhe vorausgegangen sei. Ob das historisch korrekt ist sei dahingestellt; ich kann jedenfalls mit dem Gedanken etwas anfangen. Fröhliche Gedanken sind es allerdings nicht, von denen ich mich davontragen lasse, während die Straße mich und meine Füße bergauf leitet. „Folterlager in Libyen“, „Blockade der Seenotrettung“, „Rechtsruck“, „Demokratie in Gefahr“, „Klimawandel und Artensterben“… der bloße Gedanke an die schlagzeilenartig in mein Bewusstsein dringenden Probleme verdirbt mir meinen morgendlichen Enthusiasmus und schnürt mir die Kehle zu. Wie kann ich angesichts dessen hier hedonistisch durch die Natur laufen?
Absichtlich verlasse ich wieder den Forstweg und schlendere durch Brombeeren über eine Lichtung. Eine jagdliche Einrichtung an ihrem Rand, nahe dem Forstweg. Tatsächlich sollte besser von einer Jagdstraße die Rede sein, denn nach und nach den Hügel entlang zähle ich ca. 15 Hochsitze und Kanzeln (!) die auf kleine Freischlagflächen (vermutlich ebenfalls zum Zwecke der Jagd geschlagen) ausgerichtet sind. Solch eine Dichte an jagdlicher Infrastruktur habe ich noch nirgends erlebt. Aber da die Hochsitze aus durchsichtigen Gründen direkt an der Forststraße liegen mache ich mir nicht viel daraus und wende ihr den Rücken zu. Die düsteren Gedanken kann ich jedoch auch abseits der Straße kaum besänftigen und so bemerke ich kaum, dass mich meine Füße in einen dichten Fichtenwald auf einem der Gipfel auf dem Hügelrücken geführt haben.
Plötzlich lässt mich etwas innehalten; kein Geräusch, aber dieses unbestimmte und doch starke Gefühl, dass etwas in der Nähe ist. Ich lege den Rucksack ab und pirsche mit der Kamera weiter, in die Richtung in der ich den Hirsch vermute. Zwischen all den Baumstämmen ist es schwierig, einen guten Blick auf die Umgebung zu bekommen. Ich verharre an einen Baum gelehnt und warte. Nicht weit höre ich den Klang von Geweih gegen Holz. Doch er ist von zu vielen liegenden und stehenden Bäumen verdeckt, und nach weiterem Warten entscheide ich mich gegen ein weiteres Annähern und ziehe mich leise zurück. Beim Rucksack trinke ich den letzten Schluck Wasser und bemerke, dass mein Kopf vollkommen leer ist und mein Herz immer noch aufgeregt klopft. Der Enthusiasmus ist wieder zurück.

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Während ich mich querfeldein, nein querwaldein, treiben lasse und nach geeignetem Feuerholz und Wasser Ausschau halte, komme ich wieder ins Grübeln. Doch diesmal nehmen meine Gedanken bei einem gewissen philosophischen Staunen ihren Anfang, einem Staunen darüber, wie meine „Wanderung“ hier eigentlich richtig zu fassen wäre.
Als „Wanderung“ kann man diesen Gang ohne Ziel und meistens auch ohne Weg wohl kaum bezeichnen. Auf ein Ziel kann eine Wanderung vermutlich verzichten, aber auf einen Weg? Das Wandern geht doch letztlich immer entlang von Wegen durch eine Landschaft.
Ein „Streifzug“ vollzieht sich zwar auch abseits von Wegen, ist aber durchaus zielgerichtet und (ggf. militärisch) organisiert.
Der „Spaziergang“ scheint mir vielleicht noch weniger zielgerichtet als die Wanderung, wenn auch ebenso an Wege gebunden.
Sein städtisches Pendant, das „Flanieren“, kommt der Sache noch näher, insofern hier auch eine besondere Langsamkeit mit Verweilen und Betrachten intendiert ist (man denke an Walter Benjamins Erzählung von flanierenden Adeligen, die eine Schildkröte mit sich führen, um mit dem Ausmaß der Langsamkeit das Ausmaß ihrer Muße zur Schau zu stellen). Doch auch hier ist man an Wege, bzw. die „Promenade“ gebunden.
Als Spezialform des Flanierens passt hier auch die „Dérive“, wie es Guy Debord für die Situationistische Internationale entwickelt hat (Danke für den Hinweis, Georg!). Hier geht es ausdrücklich darum, sich nicht in vorgefertigten Bahnen treiben zu lassen und dadurch die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse unbewusst anzuerkennen. Vielmehr durchkreuzt die Spaziergängerin in der „Dérive“ die Ordnung und Aufteilung des städtischen Raums, indem sie unterschiedslos kreuz und quer, über Straßen, Parkplätze, Grünflächen und Fußgängerzonen streift – und in dieser anarchischen Lossagung von der geltenden Straßen- die gesellschaftliche Ordnung allererst sichtbar macht. Durch diese eigenwillige Aufklärungsarbeit bildet die „Dérive“ eine mögliche Grundlage radikaler Gesellschaftskritik. Eine rurale Dérive also?

Natürlich bietet sich im ländlichen Kontext noch die Figur des „Landstreichers“ an. Das „Landstreichen“ (im Bayerischen auch „Strawanzen“ genannt) ist auch eine Bewegung in der Landschaft, die allerdings nicht notwendig auf Wegen stattfindet und sich üblicherweise auch im Bereich der „kleinen Delinquenz“ bewegt. Durch Armut gezwungen, aber Anfang des 20. Jahrhunderts auch oft politisch motiviert als „Generalstreik ein Leben lang“, gehören Vergehen wie Mundraub, Landfriedensbruch, unerlaubtes Kampieren, Schwarzfischen oder gelegentlich Wilderei fast selbstverständlich zum Landstreichen dazu. Die Bewegung des Landstreichens verläuft also nicht nur abseits von Wegen, sie kümmert sich überhaupt nicht besonders um die Aufteilung der Landschaft und die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse.
Interessant finde ich hier nicht nur das Verhältnis zum Weg, sondern auch die Frage des Ziels. Wenn beim Wandern vielleicht die Landschaft als Anderes in den Blick gerät und die Wandererin sich selbst im Verhältnis zu diesem Anderen erfährt, so handelt es sich doch dabei – tendenziell wenigstens – eher um ein Anderes im Singular: die Landschaft verschmilzt zu einer Einheit von Hügeln, Häusern, Bäumen und Bächen, samt ihrer Bewohner. Ihr Interesse ist diese Erfahrung, während für die notwendigen Rahmenbedingungen (Proviant, Zelt und Schlafsack etc.) schon gesorgt ist. Das „Landstreichen“ dagegen ist eigentlich freilich alles andere als eine Freizeitbeschäftigung. Auch wenn einige Landstreicher ihre Freiheit in dieser zum klein(st)en Teil sogar selbstgewählten Armut beschwören, so zeichnet es sich doch durch eine grundlegende Bedürftigkeit aus. Nahrung und Unterkunft („Shelter, Fire, Water, Food“, wie es im Survival heißt) müssen gefunden werden und geben der Bewegung des Landstreichens immer wieder ein Ziel. Wie viel Müßiggang dabei übrig bleibt wird von Fall zu Fall verschieden sein. Jedenfalls durchbricht diese Bedürftigkeit das Bild einer einheitlich vorbeiziehenden Landschaft: an Stelle des schönen Panoramas tritt ein sorgfältiges Lesen der Landschaft auf ihre „Ressourcen“ hin; die Forellen im Bergbach, das Gebüsch als Versteck, die Laubhaufen als Isolation gegen die Kälte, Obstbäume und Hecken für wilde und kultivierte Früchte, Feuerholz etc. Anstatt die Landschaft oberflächlich als Bild zu genießen und praktisch ihrer Aufteilung zu folgen, liest das Landstreichen die Landschaft primär auf ihre praktischen Aspekte hin – und folgt ihnen auch über Zäune hinweg.

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Während ich einen sanften Hang hinab durch den offenen Buchenwald streife und mich nach geeigneten Lagerplätzen umsehe, breche ich bereits etwas tote Äste von einzelnen Bäumen ab. Als ich dann ein schönes Plätzchen gefunden habe spanne ich zunächst mein kleines Tarp auf und genieße das Abendlicht und die Ruhe. Unweit plätschert ein Rinnsal von einem Bergbach, die Entfernung ist gerade so, wie ich es gerne habe: hörbar aber nicht zu laut um die anderen Geräusche des Waldes nicht zu übertönen. Mit frischem Bergquellwasser entspanne ich mich und schaue mich nach geeignetem Bow-Drill-Material um. Den Rucksack im Lager zurückgelassen schweife ich noch ein wenig umher, bis ich glaube gutes Material gefunden zu haben. Fichte als Bogen, Brett und Spindel, Buche als Handgriff. Ich schnitze mir das Set zurecht, binde den Bogen und installiere mich auf einer ebenen Stelle. Dann wird gebohrt. Rauch steigt auf. Mehr Rauch. Schweißtropfen bilden sich auf meiner Stirn. Flupp! Die Spindel fliegt davon, das Bohrloch ist ausgebrochen. Also nochmal. Ich ziehe den Pulli aus und mache mich erneut ans Feuermachen. Doch leider gelingt mir keine Glut. Zweimal bricht noch das Bohrloch aus, dann hält es, aber eine Glut kommt trotzdem keine. Enttäuscht lege ich das Set beiseite. Vermutlich lag es daran, dass ich einen Ast als Spindel genommen habe? Nächstes Mal vielleicht. Die Funken vom Feuerstahl entzünden das unterwegs gesammelte Flugsamennest sofort und nach wenigen Augenblicken knistert ein wärmendes Feuer, genährt auch von meinem erfolglosen Bow-Drill-Set.
Sobald das Wasser in meiner Flasche kocht, gieße ich damit das mitgebrachte Couscous auf und während es aufquillt knabbere ich ein paar Buchenknospen. Nach dem Essen gibt es Fichtennadeltee und ich lehne mich zurück und schaue über das kleine Feuerchen hinaus in den inzwischen dunklen Wald. In der Ferne höre ich einen Hirsch röhren. Dann ein scharfes Piepsen – …! Tatsächlich, über den Baumwipfeln nicht weit von mir fliegt eine Waldschnepfe! Glücklich genieße ich das Hereinbrechen der Nacht und das Aufleuchten der ersten Sterne. Dabei kommen meine Gedanken wieder auf das zuvor unterbrochene Thema zurück.

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Ist es denn nun „Landstreichen“, was ich hier betreibe? Am Bahnhof bringt mich doch jeder Zug flugs zurück in die Sicherheit meiner bürgerlichen Existenz, wann immer ich nur will. Also Teilzeit-Landstreicherei? Anders ist wohl auch mein naturkundliches Interesse; ich versuche ja nicht nur (aber auch) mögliche Nahrungsquellen, Verstecke und Feuerholz/Zunder zu entdecken, sondern bemühe mich, die Geschichten zu lesen, die Tiere, Pflanzen und Wind und Wetter in die Landschaft schreiben. Meine Wanderungen sind von einer großen Liebe zur Natur motiviert, die mich antreibt immer mehr und neue Facetten, Spuren und Details in der Landschaft zu entdecken und ihr Bild durch diese Zusammenhänge zu vertiefen. Sie sind so zwar – im besten Sinne – eine Freizeittätigkeit, aber anders als ignorante Naturkonsumentinnen, die z.B. mit dem Motocross-Motorrad quer durch den Wald heizen, versuche ich möglichst viel Rücksicht auf das Ruhebedürfnis der Tiere zu nehmen, die hier leben. Insofern wohnt meiner Bewegung durchaus eine gewisse Zärtlichkeit inne – ich bemühe mich, sanft durch die Landschaft zu streichen, ja vielleicht sie zu streicheln?
Als ich in den Sternenhimmel blicke fällt mir außerdem Aragorn ein, eine Figur in Tolkiens Herr der Ringe, der zu Beginn der Geschichte als „Streicher“ vorgestellt wird… es bleibt allerdings bei einer losen Assoziation; das Feuer ist inzwischen ausgegangen und ich wende mich müde meinem Schlafsack und meiner Isomatte zu.

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Als ich aufwache ist es schon hell und die Morgensonne ist bereits aufgegangen. Kurzentschlossen hänge ich mir die Kamera mit Tele um und gehe langsam und leise bergauf. Ich quere eine Forststraße und treffe auf ein kleines Becken, wo der Bergbach am Rande der Lichtung entlangfließt. Der beschauliche Ort zieht mich an und ich setze mich zu Fuße einer großen Fichte an den Rand der Lichtung. Ich atme durch und konzentriere ich mich auf meine Sinne, bis ich das Gefühl habe, die ganze Umgebung in mein Bewusstsein aufgenommen zu haben. Es vergeht einige Zeit, dann kommt der erste Trupp Vögel herbeigeflogen. Tannenmeisen, eine Hauben- und eine Kohlmeise hüpfen in loser Formation von Ast zu Ast. Auch Wintergoldhähnchen kann ich in der Nähe hören. Wie eine kleine Wolke ziehen sie von Baum zu Baum, über die Lichtung und über meinen Kopf hinweg. Eine Tannenmeise hält einen guten Meter über mir inne und betrachtet mich neugierig, bevor sie ihren Freunden folgt. In der Ferne rufen wieder die Schwarzspechte. Plötzlich knackt es im Unterholz auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung. Ein Feldhase? Ein Fuchs? Ich schiele erwartungsfroh in Richtung des Gebüsches. Doch plötzlich ertönt ein anderes Geräusch – Motorenlärm. Vermutlich ein Traktor? Jedenfalls kommt das Gefährt näher. Nach einiger Zeit ist klar, dass es sich auf der Forststraße direkt hinter mir bewegt. Im Wald ist es ruhig geworden. Ich rutsche ein bisschen auf die Seite, sodass mich die Fichte wenigstens großteils verdeckt und tue es darin vermutlich den Waldbewohnern um mich herum gleich. Dann fährt der Traktor vorüber und bleibt direkt unterhalb von mir stehen. Nein, er hat mich nicht gesehen, er wendet nur. Ich bleibe noch sitzen bis das Geräusch verklungen ist, aber dann stehe ich auf und gehe langsam zurück zum Lager; Zeit zu frühstücken. Kurz bevor ich das Lager erreiche, höre ich den Flugruf des Schwarzspechts in der Nähe und bleibe unwillkürlich stehen. Im Augenwinkel sehe ich ihn durch die Baumwipfel herabtauchen – genau auf den Baum unterhalb von mir! Dann folgt der typische Baum-Ruf: „Kijääh“ … und zu meinem Erstaunen landet plötzlich ein zweiter Specht am selben Baum! Dann folgt eine phantastische Choreographie von Scheinangriffen, in der beide um den Stamm herumtanzen, bis der Verlierer das Weite sucht. Ich kann die Balz gut fotographieren, nur leider werden die Fotos im Schatten und gegen den hellen Morgenhimmel nicht wirklich brauchbar. Als ich einige Zeit die großen Vögel in so unmittelbarer Nähe beobachtet habe, vergesse ich völlig, dass sie meine Anwesenheit nicht bemerkt haben und fühle mich ihnen selbstverständlich vertraut. Ein Irrtum, den ich zu spät realisiere – sobald ich einen Schritt in Richtung Lager mache, streicht der verbleibende Specht ab und ist davon.

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Nachdem ich zusammengepackt und Lager- wie Feuerstelle unkenntlich gemacht habe, schultere ich den Rucksack und steige querfeldein ins Tal ab. Über Gamspfade finde ich eine geeignete Stelle durch einen Felsabbruch und stoße so auf die Forststraße. Kurz zuvor höre ich noch leise ein Auto und sehe durch die Blätter einen grünen Suzuki vorbeirollen. Als die Luft rein ist komme ich aus dem Dickicht hervor und spaziere alsbald unschuldig und beschwingt auf der Forststraße das Tal hinaus.
Dabei kommen wieder meine gestrigen Überlegungen zurück, und als ich im vormittäglichen Sonnenschein in einer Biegung des Wildflusses ans Ufer trete und nackt in das eisige Wasser springe, fühle ich mich nicht nur quicklebendig, als ich wieder auf den trockenen Kies trete – ich fühle mich auch befreit. Die dunklen Gedanken, die mich gestern bedrückt haben sind nicht weggewischt und die Probleme schon gar nicht gelöst, aber bin kurz aus dem Zusammenhang herausgetreten, in dem ich auch – als Steuerzahler, als Konsument, etc. – Teil dieser Probleme bin. Wie in der situationistischen Dérive bin ich bei meinem Streichen stückweit aus der aufgeteilten Welt herausgetreten. Anders als Debord ging es mir jedoch nicht primär um Gesellschaftskritik und ich habe meinen Blick folglich weniger auf die sichtbar werdenden Aufteilungen der Natur nach Maßgabe ihrer (forstlichen, jagdlichen oder touristischen) Nutzung gewendet, als vielmehr auf ihre ganz eigene Organisation in einen faszinierenden Zusammenhang wilder Lebewesen. So wie ich mit all meiner Aufmerksamkeit diesem Kosmos gefolgt bin, habe auch ich mich unwillkürlich auf mein eigenes wildes Leben zurückbesonnen, das mich jetzt auf der Kiesbank warm und stark durchflutet. In dieser winzigen Revolte erfahre ich zugleich, dass unsere Aufteilungen der natürlichen Welt nicht ewig und unveränderbar sind. Die Gesellschaft lässt sich ändern, ihre Verhältnisse sind nicht in Stein gemeisselt, im Kleinen ebensowenig wie im Großen. Eine andere Welt ist immer möglich.
Jetzt kann ich wieder befreit atmen und als ich im hellen Sonnenschein zum Zug schlendere, breitet sich ein großes Lächeln über mein Gesicht. Mit einem so großen „Ja!“ im Hintergrund lässt es sich auch leichter „Nein!“ sagen.

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