Vogelstimmen erkennen

Letzten Samstag habe ich den ersten Buchfinken des Jahres singen hören, gestern den ersten Grünfinken und die erste Ringeltaube. Jetzt ist die perfekte Zeit um Vogelstimmen zu lernen! Die Vögel fangen erst langsam und nacheinander an, und die Sommergäste sind noch lang nicht da. Wenn Du jetzt mit einem Fernglas aufmerksam umhergehst und Dir die Stimmen einprägst, dann bist du noch nicht so überfordert wie im Mai vielleicht.

Dazu habe ich vor zwei Jahren schon einmal einen Blogeintrag geschrieben.

 

Neue Publikation: Philosophie und Spurenlesen

Es ist geschafft! Dank der freundlichen Unterstützung von Familie, Freunden, Bekannten und sogar Unbekannten via Crowdfunding ist mein Buch Spurenlesen. Zur Philosophie der Human-Animal-Studies nun bei Turia+Kant erschienen.

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Dass meine Masterarbeit nun als ordentliches Buch vorliegt freut mich aus mehreren Gründen besonders. Natürlich ist es schön, dass meine Arbeit jetzt auch für den wissenschaftlichen Diskurs zugänglich ist und ich somit einen winzigen Beitrag zum emanzipatorischen Projekt der kritischen Human-Animal-Studies leisten kann. Inhaltlich liegt mir die Arbeit besonders am Herzen, da es mir erstaunlicherweise gelungen ist, diejenigen philosophischen Gedanken, die mich mein ganzes Studium über besonders in Bewegung gehalten haben, hier zusammenzubringen. Gleichzeitig ist sie ein Übergang und legt inhaltlich eine Praxis nahe, der ich mit meiner jetzigen Arbeit als Naturgarten-Planer und Naturführer zu folgen versuche.

So nahe diese Überlegungen mir persönlich sein mögen, ist das Buch doch alles andere als eine Sammlung von „Bekenntnissen“. Stattdessen bemühe ich mich um klare Arbeit am Begriff und entwickle in starker Bezugnahme auf den französischen Philosophen Jacques Derrida ein philosophisches Konzept des Spurenlesens. Durch den radikalen Ansatz mag es sehr Abstrakt scheinen, und für Laien ist der erste Teil des Buches wohl nur schwer verständlich. Ich will daher kurz versuchen, den Ansatz zu skizzieren:

Spuren zu lesen bedeutet immer, die Abwesenheit von etwas zu erkennen – das zugleich in der Spur aber anwesend ist. Die Spur, klassischerweise der Fußabdruck des Rehs im Schnee, liegt vor uns, wir können sie ansehen, daran riechen, sie befühlen – sie lesen. Doch der Urheber dieser Spur, hier das Reh, ist meist weitergezogen und außerhalb unserer Reichweite.
Diese Struktur ist zugleich charakteristisch für vielleicht das grundsätzlichste philosophische Problem überhaupt, nämlich die Frage nach der Wirklichkeit. Während es einige philosophische Richtungen gibt, die der Frage des Anderen keine große Relevanz beimessen, halte ich diese Frage für ein Schlüsselmoment zur Frage nach der Wirklichkeit (mit dieser Frage habe ich mich übrigens auch bei meinem Vortrag an der Uni Innsbruck im Rahmen der HAS-Ringvorlesung beschäftigt). Wie ich auch in meinem Beitrag zum Jahresheft des Outdoorseiten.net-Vereins versucht habe zu zeigen, ist die alltäglich erfahrene „Wirklichkeit“ stets schon bekannt und hat vor allem den Hang, unbekanntes auszuklammern. Zunächst einmal aus rein praktischen Gründen: würde ich am Weg zum Bahnhof jeden Kiesel umdrehen und seine einzigartige Form bestaunen, käme ich niemals pünktlich an. Um mit Dingen fertig zu werden, ja um zu leben, müssen wir vereinfachen und ausblenden, keine Frage. Doch daraus ergibt sich oft ein Trott, der nicht nur die einzelnen Kiesel, sondern auch die Häuser, Bäume und Menschen übersieht – und sich gewaltsam gegen Veränderungen dieses Bekannten (Stichwort „Flüchtlinge“, „Gender“, „Veganer“…) wehrt. Für mich hat „Wirklichkeit“ also einen unscharfen Rand, der stets in Bewegung ist und neu verhandelt wird. Offensichtlich hat dieser Begriff von Wirklichkeit auch eine radikal politische Bedeutung, entscheidet er doch darüber, wer überhaupt ein „wer“ sein kann.

Diesen Bewegungen am Rand der Wirklichkeit nachzuspüren bedeutet Spuren zu lesen: zu sehen, was eine Spur hinterlassen hat, aber doch außerhalb des Bekannten bleibt. Im zweiten Teil meines Buches versuche ich dann, exemplarisch dieses philosophische Konzept des Spurenlesens auf das Feld von Tieren, besonders in Städten, anzuwenden. Die Stadt als rein menschlicher Raum per definitionem ist immer auch Lebensraum für Tiere. Ihre Spuren in den Zentren unserer Welt machen sehr gut deutlich, wie diese Welt funktioniert – und fordern von uns andere Lebensformen, die weniger gewalttätig ausschließend sind.

Spurenlesen. Zur Philosophie der Human-Animal-Studies ist nun für 22 € als Paperback im Handel erhältlich. Über Rückmeldungen und Kritik per Kommentar freue ich mich wie immer.

Draußen zuhause?

Meine Beiträge werden immer rarer, ich weiß: mit Beruf und jetzt auch Familie bleibt weniger Zeit für Blogeinträge als noch zur Studienzeit. Aber ich habe mir fest vorgenommen, wieder etwas häufiger vereinzelte Beiträge zu posten!

Für das Jahresheft von Outdoorseiten.net, dem größten deutschsprachigen Outdoor-Forum, habe ich einen Beitrag verfasst. Etwas abgeändert veröffentliche ich ihn jetzt auf meinem Blog.

 

Den Zaunkönig habe ich hier auch schon lange nicht mehr gesehen, denke ich beiläufig, während ich durch das kurze Waldstück zwischen den Wohnblöcken hindurch spaziere. Ich überquere eine vielbefahrene Straße und habe mein Ziel erreicht: einen alten Park, der sich selbst überlassen wird und für die Öffentlichkeit gesperrt ist. Nach einiger Suche habe ich eine Möglichkeit gefunden, mir Zugang zu verschaffen und komme seit einem guten Jahr regelmäßig hierher um eine Zeitlang ruhig zu sitzen und meine Umgebung zu beobachten. Mal schaffe ich es täglich, meist aber nur wöchentlich. Heute ist es jedenfalls mal wieder so weit, ich habe es geschafft mir die Zeit zu nehmen und betrete das vertraute Areal. Zwischen verfallenden Bauten und im Schatten alter Bäume wächst ein junger Buchenwald heran, die Wege sind knöcheltief mit Laub bedeckt. Obwohl ich mich bemühe sanft und leise zu gehen, raschelt es bei jedem Schritt. Doch der Straßenlärm übertönt hier noch alles und ich bemühe mich, schnell zu meinem Sitzplatz am anderen Ende des Parks zu gelangen. In Gedanken versunken registriere ich nur beiläufig das Krächzen der Krähen in den Baumwipfeln. Erst als ich schon ein ganzes Stück weitergelaufen bin, dringt mir ins Bewusstsein, dass neben den Krähen auch das heisere Schreien der Eichelhäher zu hören war. Plötzlich hellwach lausche ich zurück und höre in der Entfernung außerdem Kohlmeisen, Kleiber und eine Amsel lautstark schimpfen. Vogelalarm!

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Mehr braucht es nicht, um „draußen zuhause“ zu sein: ein Dach über dem Kopf und ein warmes Schlafsack-Bett. Doch wie die selektive Schärfe  der Aufnahme suggeriert ist es so einfach nicht.

Wie konnte mir das vorhin entgehen? Ich erinnere mich sofort an eine ähnliche Situation an der selben Stelle, als mich die aufgeregt schimpfenden Singvögel auf einen Mäusebussard aufmerksam gemacht haben, der nur zehn Meter entfernt von mir über einer frisch gerissenen Ringeltaube hockte. Neugierig und bemüht leise taste ich mich in den Wald hinein, in Richtung des noch entfernten Geschreis. Als ich auf gut zwanzig Meter herangekommen bin, nehme ich mein Fernglas und blicke in die Richtung der Rufe, die erstaunlicherweise vom Boden kommen. Gut getarnt in all dem Buchenlaub erkenne ich gleich einen Eichelhäher, der neben einem Blätterhaufen sitzt. Hier sind überall Fuchsbauten unter dem Laub, vergangenen Winter konnte ich auch mehrmals die Füchse beobachten sowie ihre Spuren verfolgen. Im Sommer haben allerdings zwei Jungs umgefallene Bäume über dem Gelände zu einem Lager errichtet und ein altes Netz darüber geworfen. Die Füchse habe ich seitdem nicht mehr gesehen. Das Netz hat nun das Herbstlaub aufgefangen und ihr altes Lager in einen großen Blätterhaufen verwandelt. Als ich den Eichelhäher ins Auge fasse, scheint auch er mich bemerkt zu haben und friert in seiner Bewegung ein. Mit ein paar geschmeidigen Flügelschlägen erklimmt er eine junge Buche um einen besseren Ausblick zu haben und schaut mich neugierig mit langem Hals an. Völlig bewegungslos an einen Baum gelehnt hoffe ich, dass er das Interesse verliert, aber seine beiden Kollegen sind durch sein Verhalten auch aufmerksam geworden und kommen heran geflogen. Drei Eichelhäher (sind es Männchen oder Weibchen?) sitzen nun in den höheren Etagen der jungen Bäume um mich herum und scheinen sich nicht ganz sicher zu sein, wie sie die Situation einschätzen sollen. Ohne ein weiteres Schimpfen – immerhin! – ziehen sie nacheinander von dannen und mir wird erst dann bewusst, dass auch die anderen Vögel völlig verstummt sind.

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Wer kennt diese von mir speed-portraitierte Pflanze? Gewinnspiel in den Kommentaren! (Preis ist eine Fern-Naturführung!)

Das Waldstück liegt nun seltsam schweigend vor mir, und vorsichtig komme ich näher. Als ich an der Stelle angelangt bin, an der der Eichelhäher saß, blicke ich mich suchend um. Im Augenwinkel sehe ich eine Bewegung unter dem Netz des alten Lagers und denke schon: haben sich die Jungs da drin auf die Lauer gelegt? – als plötzlich ein riesiger graubrauner, unförmiger Federball auf der anderen Seite heraushüpft und sich in die Luft erhebt! Völlig geräuschlos breitet er seine Schwingen aus. Oider! denke ich mir und blicke fassungslos und gespannt mit meinem Fernglas zu dem Ast über mir, auf dem sich der Federball niedergelassen hat. Zwei große, gänzlich schwarze Augen blicken mich direkt an. Ich glaube Verwunderung und Müdigkeit in ihnen zu lesen, vor allem aber begegnet mir eine stille Fremdheit, die mir undurchdringlich bleibt. Der Waldkauz sitzt noch ein paar Sekunden da und betrachtet mich, bevor er sich umdreht und ebenso geräuschlos im Licht der Nachmittagssonne verschwindet.

Den ganzen Tag lang bin ich elektrisiert von dieser Begegnung und auch jetzt, Monate später, wo ich darüber schreibe, bekomme ich Gänsehaut. Als ich den Park betreten habe, war ich noch ganz in meinen Gedanken, eingelullt in die wabbelnde Gallertmasse des Alltags. Diese bleibt meist unbemerkt, weil ihre Funktion genau darin besteht, alle Dinge als schon verstanden miteinander zu verkleben, sodass wir meist sicher vom Bett ins Bad, in die Küche, zum Schlafzimmer, zur Bushaltestelle, ins Büro taumeln können und zurück; unsere Freunde und Partner mit den selben alten Worten begrüßen, mit den selben alten Küssen berühren, und, bevor uns die Müdigkeit überfällt, gelegentlich in Serien, Filmen oder auf Blogs und Foren Bilder unserer Sehnsüchte begaffen und in wohltemperierten Räumen von Freiheit und Abenteuer träumen. Die klebrigen Pfade dieses Spinnennetzes der Gewohnheit sind zeitsparend, doch sie bergen die nicht zu unterschätzende Gefahr, uns blind zu machen für das, was jenseits des Bekannten liegt.

Die Rufe der Eichelhäher haben mich wachgerüttelt: ich bin einer anderen Dimension als der meiner Gewohnheit begegnet und durfte das geile Gefühl erfahren, wahrlich draußen zu sein.

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Was ist jenseits von Kultur und Natur? 

Draußen zuhause?

Das Online-Forum Outdoorseiten.net beispielsweise ist eine „Plattform für alle Menschen mit Interesse an Outdoor-Aktivitäten, am Draußensein und am Reisen“, heißt es unter Punkt 1 der FAQ – auch wenn ich die Häufigkeit dieser Frage stark bezweifle. Denn dass es in einem Outdoor-Forum um Outdoor-Themen geht, ist ziemlich selbsterklärend. Das gilt besonders in einer Gesellschaft wie der unseren, in der Outdoor-Aktivitäten inzwischen selbstverständlich einen großen Teil der Freizeit ausmachen. „Selbstverständlich“, das werde ich noch öfters schreiben. Denn mein Beitrag versucht den Begriff des Draußenseins ins Auge zu fassen und unterstellt, dass es mit dem bloß räumlichen Nach-draußen-gehen noch nicht getan ist. Nach und nach werde ich eine anspruchsvolle Vorstellung von Draußensein formulieren, die sich gegen selbstverständlich gewordenes behaupten soll. Dabei schließe ich ausdrücklich an den Beitrag des Users Igelstroem „Über das Wandern“ im Heft 2015 an. Auf Igelstroems Website finden sich auch viele andere lesenswerte, philosophische Beiträge zum Wandern.

Was Igelstroem dort trefflich über das Wandern gesagt hat, will ich von der Erfahrung des Draußenseins her generell bedenken, und dabei vielleicht dem Weg folgen, den er am Ende seines Textes vorgezeichnet hat: „Auch aus diesem Vorrang der Fremderfahrung vor der Selbsterfahrung hätte man womöglich alles entwickeln können, was ich hier gesagt habe.“ Aber der Reihe nach.
Draußen zuhause“, so wirbt bekanntlich Jack Wolfskin für seine Outdoor-Ausrüstung. Vaude macht mit „The Spirit of Mountain Sports“ ein ähnlich emphatisches Versprechen, die SattlerLederWaren Salewa locken mit „Experience the Mountains“. Es wäre eine lustige Idee, die Wahl seiner Outdoor-Ausrüstung rein von Werbeslogans abhängig zu machen (wobei diese Wahl angesichts der Austauschbarkeit dieser Slogans schwer fallen würde).
So absurd dieser Gedanke zunächst scheint, die Realität unseres Konsumverhaltens ist freilich nicht zu weit davon entfernt. Wenn wir unsere Ausrüstung auswählen, je nachdem ob sie besonders funktional, robust, wertig oder peppig, modern, bunt erscheint, dann folgen wir damit auch, und oft in erster Linie, ästhetischen Gesichtspunkten. Dass wir beim Wandern in gemäßigten und wärmeren Zonen die Funktionalität unserer Ausrüstung nicht restlos optimieren müssen, eröffnet eben, wie Igelstroem bemerkt hat, einen Spielraum für Ästhetisierung. Weil die Ausrüstung nicht unbedingt funktional sein muss, ist die Entscheidung für reine Funktionalität vor allem eine ästhetische. Die Wahl eines besonders funktionalen Messers etwa geschieht in meinen Augen oft nicht um der Funktionalität, sondern vielmehr um der Ästhetik der Funktionalität willen.
Während man sich aber von poppigen Jacken bis hin zum vermeintlich bodenständigen Jagdloden den verschiedensten Stilen hingeben kann, folgt man dabei immer der Devise „Draußen zuhause“. Dieses Versprechen bleibt unabhängig von den verschiedenen Ausdifferenzierungen der Industrie und ist ihnen allen gemein. Der Spruch, den Jack Wolfskin mit genialem Kalkül geprägt hat, drückt also das Versprechen der gesamten Outdoor-Industrie auf einmal aus. Wie es sich für einen Werbespruch gehört, adressiert das Versprechen zugleich eine Sehnsucht. Würden „wir“ (soviel pauschale Anbiederung möge man mir verzeihen) uns nicht danach sehnen, „draußen zuhause“ zu sein, hätte eine solche Vermarktung wenig Sinn.

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Jagdrevier und Weitwander-Eldorado. Überhaupt wurde das Karwendel erst vom Bergsteiger Hermann v. Barth als Gesamtheit entdeckt. Die Kalksteine scheinen sich um ihre Namen nicht zu scheren, die Frage ist also: können wir ihrem Schweigen Gehör schenken?

Was aber heißt Draußensein überhaupt, und was kann Draußen-zuhause-sein bedeuten? Bei näherer Betrachtung zeigen sich zwei gegenläufige Bedeutungen.

Draußen“ versteht sich zunächst vor allem als Gegenbegriff zu „Drinnen“: „Drinnen“ heißt wohl soviel wie ein Dach über dem Kopf haben. In einer Ruine kann man zwar innerhalb der Hausmauern sein, aber man ist immer noch den unverfügbaren Launen des Wetters ausgesetzt. Würde sie jedoch Schutz vor Wegelagerern bieten, wäre es durchaus sinnvoll von „Drinnensein“ zu sprechen. Drinnen ist also ein abgegrenzter Raum, der einen gewissen Schutz bietet.
Hinzu kommt hier noch, dass man in einer Höhle z.B. nicht im vollen Sinne drinnen ist. Zumindest mein Sprachgefühl sträubt sich hier – für mich heißt Drinnensein auch von den Produkten des eigenen Geistes umgeben zu sein. Wenn ich vom Laptop aufsehe, fällt mein Blick auf makellos glatte weiße Wände, auf Möbel, Bücher, Lampen – einzig die Zimmerpflanzen und die wenigen Fundstücke aus der Natur, die ich auf einem Regal aufgereiht habe, beugen sich nicht der menschlichen Zwecksetzung, auch wenn sie freilich in dieser als Zier einen Zweck bekommen haben. Meine Wohnung bietet nicht nur Schutz, sie spiegelt auch die Seele ihres Bewohners wider.
Wenn wir also „Schutz vor den Elementen“ und „menschliche Zwecksetzung“ als wesentliche Eigenschaften von „Drinnen“ ansetzen, dann heißt Draußensein sowohl ausgesetzt als auch von Andersartigem umgeben zu sein.
Folgen wir dieser Bedeutung, dann kann Draußen-zuhause-sein einerseits bedeuten, dass wir die Ausgesetztheit und Fremdheit des Draußen so fest in den Griff bekommen haben, dass sich das Draußen eigentlich in ein Drinnen verwandelt hat. Das lässt sich oft in der Verfügbarmachung der Outdoor-Ausrüstungsindustrie wiederfinden, die mit diversen Technologien wie Gore-Tex eine Immunisierung gegen das Draußen verspricht. Diesem (schlechten) Sinn entgegengesetzt wäre die zweite Bedeutung, auf die es mir ankommt. Draußen-zuhause-sein könnte andererseits bedeuten, dass man die Fremdheit und Unsicherheit des Draußen annimmt und eine zärtliche Vertrautheit zu ihm entwickelt. Ein Zuhause-sein mit dem Draußen anstatt gegen es.

Doch bevor ich dem nachgehe, wie ein solches Draußen-zuhause-sein aussehen könnte, und was es mit unserer Sehnsucht danach zu tun hat, will ich mich noch auf eine ähnliche Formulierung in Igelstroems Text beziehen. Unter Punkt IIII lese ich: „Eingesperrt sind natürlich alle, und die es nicht sind, sind wirklich schutzlos und sehnen sich nicht nach Abenteuern. Das Einssein mit der Natur gibt es auch beim Wandern, solange man dabei nicht zu Tode kommt, nur als punktuelle, schimärische Erfahrung“. Um dem Missverständnis vorzubeugen, dass ich ein „Einssein mit der Natur“ beschwöre, will ich mich diesem Zitat anschließen. Mit der Ergänzung, dass „Draußensein“ in seiner Intensität graduell variieren kann. Als Fremderfahrung und Moment von Verunsicherung ist diese Erfahrung nicht an klar voneinander abgegrenzte Räume gebunden. Die Trennung von Kultur und Natur, die ich oben am Beispiel der Höhle aufgemacht habe, ist zu relativieren in Hinsicht auf die Momente des Anderen und des Eigenen. In fremden Kulturen begegnet uns zunächst Anderes, und auch die Eigene verstehen wir besonders dann, wenn wir sie aus einer gewissen Distanz als andere wahrnehmen. Draußensein als Fremderfahrung ist also keineswegs auf „die Natur“ begrenzt. Hier sollte man das Draußensein auf seine phänomenalen Schattierungen und Implikationen im Spannungsfeld von Eigenem und Anderem, Kultur und Natur bedenken. Ich lasse jene Fragen aber stehen und wende mich für diesen Text dem Draußensein als Fremderfahrung in der Natur zu.

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Wenn Drinnen und Draußen verschwimmen.

Nochmal Alltagsszenario. Wir sitzen in der S-Bahn und beim Blick aus dem Fenster lesen wir die Schlagzeilen der Werbetafeln, sehen Straßenschilder, Bushaltestellen, Restaurants, Supermärkte, Parkplätze. Wir sehen nicht die Hände der Passanten, die Fassaden der Bürogebäude, die Vögel in den Baumkronen, den Fuchs im Gebüsch. Unsere Wahrnehmung beschränkt sich auf einige hervorstechende Merkmale (je nach den individuellen Vorlieben plus die aufdringlichen Zeichen und Werbung) und es spart uns Zeit und Energie, diesen Fäden zur Orientierung zu folgen. Das kann man immer gut bei einem Städtetrip erleben: in einer fremden Stadt haben wir das Netz noch nicht ausreichend gesponnen und müssen uns die Zeichen der U-Bahn etc. zunächst einprägen, bleiben stehen mit der Karte in der Hand, werden angerempelt oder angesprochen. Nach einigen Tagen jedoch bleibt die Karte in der Tasche und wir fließen mit den Einheimischen an den Orientierungsfäden entlang – eine schöne Erfahrung des Vertrautwerdens mit einem fremden Ort.

Doch so effizient dieses Spinnennetz der Wahrnehmung ist, so löchrig ist es. Unglaublich, was wir alles übersehen und überhören. Vor allem aber fördert es eine strukturelle Blindheit: wenn wir nur noch wahrnehmen, was unseren Interessen und Zielen dienlich ist, dann gibt es nichts mehr, was uns in unserer Selbstzufriedenheit und selbstverständlichen Überzeugtheit vom eigenen Weltbild irritieren kann. Diese Tendenz des Lebens, sich in seinen Bahnen zu vertiefen und irgendwann einzugraben, ist eine Tendenz zu Starrsinn und macht aus dem Gang des Lebens einen Trott. Und der ist vor allem eines: langweilig.
Dem langweiligen Alltagstrott zu entfliehen und die Selbstbespiegelung zu unterbrechen mit einer Erfahrung von unverfügbarer Wirklichkeit, das scheint mir nun die große Sehnsucht nach dem „Draußen“ zu sein. Und diese Sehnsucht lässt sich so wunderschön mit Bildern quälen: so winden sich verständlicherweise manche User angesichts spektakulärer Landschaftsaufnahmen – das klassische erleuchtete Zelt unter dem Sternenhimmel, endlose Weiten, Freiheit, Abenteuer. Aber genau hier liegt eine Gefahr. Wann schieben sich die Bilder vor die tatsächliche Wahrnehmung? Freue ich mich mein Zelt erleuchtet unter den Sternen zu sehen oder zu fotografieren? Igelstroem bemerkte hier, dass es sich bei dem Einssein mit der Natur oder der absoluten Freiheit um eine idée reçue handle, die „aus der Vorstellungswelt unserer Umgebung in uns einsickert und sich, wenn sie als Redensart wieder hinaussickert, so anfühlt, als wäre sie der authentische Ausdruck unserer eigenen Erfahrung“ (IIII). So ähnlich verhält es sich auch hier. Ich fotografiere selbst oft mein leuchtendes Zelt oder Tarp unter dem Sternendach und ich weiß nie so genau, was ich da eigentlich mache. Vermutlich mache ich diese Bilder aber einfach weil sie als Bilder gut aussehen. Wenn ich einen Berg fotografiere, dann mache ich das, weil der Berg gut aussieht. Sicherlich versuche ich auch hier die Einstellungen/den Ausschnitt so anzupassen, dass das Foto am Ende den Eindruck des Gesehenen besonders gut wiedergibt. Aber beim Zeltfoto geht es mir um das Zeltfoto und nicht um das Zelt.
Allgemeiner gesprochen: es hat sich also das „schimärische Gefühl“ von Freiheit und Abenteuer, das uns draußen ab und an überwältigt, an ein Bild wie an eine Redensart gekettet, und dieses Zeltbild wird dann wie das goldene Kalb als Inbegriff dieses Gefühls angeglotzt. Wenn wir nun schon mit dem primären Vorsatz, solche und ähnliche Fotos zu machen, losziehen, dann folgen wir genau demselben dünnen Netz durch die Natur, das uns ansonsten im Alltag auf Achse hält. Dann ist Draußen nicht nur durch Zelt und Gore-Jacke sondern viel radikaler durch unsere Erwartung zum Drinnen umgesponnen.
Das ist die Gefahr unserer Sehnsucht, die einer Industrie immerhin reichlich Umsatz beschert.

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Was sieht man hier? Das war der Versuch, Moos auf einer alten Asphaltfläche (Bild 3) im Detail zu zeichnen. Erkennst Du die Samen rechts?

 

Anleitung zum Draußensein

Wie können wir nun unserer Outdoor-Erfahrung und unserer Sehnsucht treu bleiben, und im guten Sinn „Draußen zuhause“ sein? Natürlich läuft jede Anleitung Gefahr, selbst zu einem Bild zu werden, dem anstatt der Sache selbst nachgeeifert wird. Darum haben die radikalen Kritiker in der Philosophie meist wenig Worte für konkrete Vorschläge verloren. Aber ich glaube einerseits nicht, dass meine Anleitung hier so weihevoll daherkommt, dass man sie kritiklos aufnähme; andererseits will ich auch keine Anleitung liefern, sondern Anstöße, wohlgemerkt im Plural. Anstöße auf Wege nach Draußen (was freilich nicht heißen soll, dass sie noch niemand geht).

I.) Weniger Bilder.

Die Eigendynamik der Fotografie erfordert zumindest eine kritische Distanz, um nicht blind zu werden und in der Landschaft nur noch Fotomotive zu entdecken. Wie es aber in der Sache der Technik liegt, deren praktischer Nutzen uns in die Hand schießt, bevor der Kopf geschalten hat, ist das gar nicht so einfach. Ich schlage also für all die anderen Willensschwachen folgende Leitsätze vor: 1. Mach maximal 10 Aufnahmen pro Tag, und nur wenn du glaubst, damit wirklich eine besondere Aufnahme machen zu können. Ansonsten genieße den Anblick einfach so in seiner Vergänglichkeit. 2. Nimm gar keine Kamera mit auf Tour und lass mit ihr den Fotografenblick zurück. Genieße die Zeit, einen spektakulären Sonnenaufgang unfotografiert und nicht durch dein Herumgeturne am Stativ unterbrochen zu bestaunen. 3. Zeichne statt mit der Kamera mit der Hand oder stelle einen Recorder neben dich und zeichne die Geräusche auf. Letzteres ist auch eine super Methode, um die Ruhe draußen bewusster wahrzunehmen.

2.) Nicht nur die Augen öffnen.

Dass wir hauptsächlich auf visuelle Sinneseindrücke reagieren ist ein alter aber wahrer Hut. Tasten, Hören, Riechen, Schmecken! Versuche einen schönen Eindruck nicht nur visuell zu erinnern, sondern beziehe die anderen Sinne mit ein: kannst Du verschiedene Steinarten von Flusskieseln ertasten? Hörst du den Unterschied von im Wind rauschenden Laub- und Nadelbäumen? Riechst Du das Wasser in der Nähe? Aber auch unser Sehen lässt sich vom fokussierten Tunnelblick zum weichen Weitwinkelblick umstellen. Ich glaube zwar nicht, dass erst unsere Sinne die „Tore zur Welt“ sind – aber bitte, macht die Türen auf!

c) Forsche und Staune.

Auch unser Geist ist ein scharfer Sinn, also nutzen wir ihn, um aus den Spurrinnen unseres Denkens und Wahrnehmens auszubrechen und kreuz und quer in die Löcher des Alltagsnetzes hineinzustöbern. Machen wir uns eine Gewohnheit daraus, mit Gewohnheiten zu brechen. Besonders gut geht das, wenn man versucht Spuren zu lesen; nicht nur Fußabdrücke von Tieren können Geschichten erzählen, auch eine ganze Landschaft lässt sich „lesen“. Wo verlaufen die Tierpfade, von welchen Tieren wo? Wo gibt es menschliche Einflüsse, wo gab es sie? Wo haben Gletscher, Platten, Seen, Flüsse, Bäche und Meere die Landschaft geformt und formen sie noch? Wo gehen die Pflanzenarten ineinander über, und warum? Was ist das für ein Baum? Wie sieht nochmal eine Kohlmeise aus? Zeichnen ist hier eine große Hilfe, weil es unseren Blick wieder und wieder genau auf das Gezeichnete zwingt. Egal was dabei rauskommt.

∂) Chillax!

UrbanDictionary.com: „To loosen or reduce the level of stress by employing a more relaxed and groovy outlook.“ Meine Vorschläge für mehr Nähe zum Draußen könnten auch wie ein Imperativ zur Leistungssteigerung gelesen werden, gar als die Vollendung der Identifikationslogik „aus Draußen mach Drinnen“. Aber ich bin zuversichtlich, dass die Befolgung sehr schnell damit aufräumen würde, denn eine intensive Erfahrung wirklichen Draußenseins wird ganz von selbst zum Selbstzweck. Dennoch diese letzte Handlungsanweisung: „Chillax!“, denn auch vor lauter Begeisterung fürs Draußensein kann man sich in den Stress hineinsteigern, so viel wie möglich davon aufnehmen zu müssen.

Und jetzt? Ab nach draußen!

Crowdfunding für mein Spurenlesen-Buch

Spurenlesen. Zur Philosophie der Human-Animal-Studies.

So soll der Titel meines Büchleins lauten, in dem ich bei Turia&Kant meine Masterarbeit veröffentlichen will. Um den Druckkostenbeitrag von 2.500 € aufzubringen habe ich eine Crowdfunding-Kampagne bei Kickstarter gestartet! Und unglaublich: die 1.000 € Mindestaufwand wurden erreicht! Herzlichen Dank Euch allen für Eure Unterstützung!

Hier gibts mehr Infos:

Japan

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Der goldene Tempel Kinkaku-ji in Kyoto, eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten Japans. In den Bergen dahinter wartet eine oft einsame, wilde und faszinierende Natur darauf, erkundet zu werden!

Für mehr als vier Wochen haben meine Frau Franziska und ich, als späte Flitterwochen, Japan erkundet. Es ist die beste Reise unseres Lebens geworden, und weil nicht nur die Städte faszinierend fremd und schön waren, sondern auch die Natur Japans unerwartet weit und wild, will ich hier etwas davon berichten.
Mit einem Reisekoffer, den wir bei Bedarf an Bahnhöfen eingesperrt haben, und einem großen Rucksack mit all unserer Wanderausrüstung sind wir leichtgewichtig und minimalistisch unterwegs gewesen. So konnten wir unsere Reise durch Stadt und Land auch in vollen Zügen genießen.
Im Vorfeld hatten wir ein Semester lang an der VHS etwas japanisch gelernt und einen ganzen Stapel an Reiseführern gewälzt. Letztendlich dabei hatten wir dann den von Lonely Planet „Japan“, sowie als Wanderführer vom selben Verlag „Hiking in Japan“. Wir haben die Zeit in Blöcken organisiert, zu Beginn würden wir direkt in die Japanischen Alpen reisen, danach planten wir einen längeren Aufenthalt in Kyoto und auf der „Kunstinsel“ Naoshima, wofür wir zeitig unsere Unterkünfte reservierten. Die zweite Hälfte der Reise war wieder ganz frei, erst für unsere letzten Tage in Tokyo haben wir wieder eine Unterkunft gebucht. Diese Organisationsweise sollte sich als ideal herausstellen.

1. Japanische Alpen

Von Tokyo Narita Airport fuhren wir mit zahlreichen Umstiegen noch am selben Nachmittag ca. 4h lang nach Matsumoto. Das beschauliche Städtchen ist irgendwie mit Innsbruck vergleichbar, es liegt in einem weiten Tal zwischen den Nordalpen im Westen und den Südalpen im Südosten.

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Matsumoto-jo (Burg Matsumoto – kein Tempel, sondern eine Festung!) im Regen

Die japanischen Alpen befinden sich übrigens generell nicht etwa auf der Nordinsel Hokkaido, wie mancher meint, sondern in Zentral-Honshu, grob zwischen Tokyo und Kyoto. Nach dem Fuji mit 3776m befinden sich hier die höchsten und alpinistisch anspruchsvollsten Gipfel Japans. Den fünfthöchsten, Yari-ga-take, 3180m, sollten wir auf unserer Tour erklimmen. Um uns vorher generell zu akklimatisieren, verbrachten wir zunächst drei Nächte in einer liebenswerten traditionellen Herberge und erkundeten die ländliche Gegend um Matsumoto.

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Die größte Wasabi-Farm Japans befindet sich nur einen Steinwurf von Matsumoto entfernt

Geplant war eine Überschreitung der Nordalpen, wie sie in unserem Wanderführer beschrieben war. Wir würden von Murodo am heiligen Berg Tate-yama in etwa fünf Tagen nach Kamikochi im Süden wandern. Murodo liegt auf der unwahrscheinlich touristischen „Alpine Route“, die den nord-süd verlaufenden Gebirgszug in ost-west-Richtung überwindet: mit Bussen, Elektrobussen in Tunneln, Seilbahnen etc. werden die Menschenmassen, vorbei am riesigen Kurobe-Damm, auf über 2.000m Seehöhe gehievt. Wir sind nicht ins andere Tal abgefahren, sondern vom höchsten Punkt Murodo aus losgewandert.

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Den Rücken entlang nach Süden, hier mit Blick auf den Kurobe-Stausee

Eigentlich war eine Besteigung des Tate-yama geplant, aber der Berg war in dicke Wolken gehüllt und die Anreise hatte unerwartet lang gedauert. Wir ließen die zahlreichen Pilger also zurück und wandten uns nach Süden, um unseren Zeltplatz Goshiki-ga-hara noch rechtzeitig zu erreichen.

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Der kleine Spitz im rechten Drittel ist Yari, der Zielgipfel unserer Tour

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Hier sind nur noch wenige Wanderer unterwegs

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Es ist die Nacht vor „Supermoon“, dem Zeitpunkt des Jahres, in dem der Mond der Erde am nächsten ist. Ein in Japan viel gefeiertes Ereignis.

Zelten ist scheinbar in ganz Japan nicht verboten, aber in den Nationalparks und Alpen soll man sich an vorgegebene Zeltplätze im Umkreis der Hütten halten, wo es dann auch sanitäre Anlagen und Wasser gibt. Nachdem die Hütten alle mit Helikopter versorgt werden, ist eine Übernachtung und das Essen dort sehr kostspielig; außerdem sind sie im Vergleich zu den Hütten der Ostalpen recht ärmlich. Sie müssen allerdings auch mit dem Heli versorgt werden, da die Bergketten hier weitgehend wild und Forststraßen weit und breit nicht zu sehen sind! Generell sind die japanischen Alpen faszinierend anders; unsere Wanderung blieb immer über 2.300m, aber wir sind oft durch herbstlichen lichten Bergwald gewandert, in und an der Waldgrenze entlang. Die Vegetation erscheint mir teilweise eher mit Skandinavien vergleichbar, wo auch kleine Birken im Herbst alles gelb zaubern. So verwandelt sich die alpine Landschaft dort viel intensiver als beispielsweise in den heimischen Kalkalpen, mit denen die japanischen in puncto Steilheit (fast) und Meereshöhe vergleichbar wären.

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Irre leuchtende Herbstfarben

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In dieser extremen Weite kommt uns gar niemand entgegen, aber absurderweise treffen wir am ersten Abend ein Bergsteigerpaar aus Innsbruck. Erst als wir uns dem Wander-Einzugsbereich von Kamikochi nähern, treffen wir häufiger auf andere Wanderer. Mehr als zehn am Tag sind es aber nicht. Auffallend ist dabei, dass der Altersdurchschnitt sicher bei 60 liegt! Uns sind fast nur Rentner begegnet, die unglaublich fit sind. Hierzulande habe ich jedenfalls noch keine 70-jährige Oma mit großem Rucksack in einer Geröllhalde davon prahlen hören, wie sie alle umliegenden 3.000er schon in den letzten Jahren bestiegen hat und nicht daran denkt aufzuhören!

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Tiere sehen wir leider kaum, mit Ausnahme dieser perfekt getarnten Schneehühner

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Als wir endlich den Yari-ga-take erklimmen, weitet sich der Blick nach Südosten und am Horizont erkennen wir: Fuji-san!

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Am „japanischen Matterhorn“ Yari-ga-take (3180 m) tummeln sich einige Omas und Opas, die den mit Stahlleitern und -seilen verischerten Gipfel erklommen haben und mich oben strahlend mit High-Fives begrüßen.

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Die letzte Nacht unserer Tour, wie immer unter strahlendem Sternenhimmel

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Die chinesischen Schriftzeichen Kanji können wir nicht lesen, aber im Vergleich mit Wanderkarte und Reiseführer lässt sich der Weg immer recht gut finden

Mit vor Begeisterung leuchtenden Augen und um einige Pfund leichter kamen wir in Kamikochi an, einem übertouristischen Wanderdomizil, das nur im Sommer mit Verkehrsmitteln erreichbar ist. Hier hielten wir uns nicht viel länger auf, sondern fuhren alsbald zurück nach Matsumoto, wo wir uns spontan in eines der günstigen Business-Hotels einmieteten: Duschen!

2. Nara, Kyoto, Naoshima

Tags darauf fuhren wir nach Nara, ein kleines Städtchen 45min mit dem Zug südlich von Kyoto. Dort wanderten wir gemütlich durch liebliche traditionelle japanische Kulturlandschaften und zelteten irgendwo im Wald.

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Reisfelder, Tempel, traditionelle Ortschaften, Kaki-Haine, Bambuswäldchen und… öffentliche Toiletten wechselten sich ab, wir genossen diese Wanderung durch ein so verträumt ländliches Japan sehr! Gerade auch als Kontrast zu unserer Bergtour war diese liebliche Landschaft sehr willkommen.
Im Anschluss besichtigten wir die touristischen Highlights von Nara und fuhren weiter nach Kyoto, wo wir einige Tage verbachten. Zwischen Tempeln, deren Gärten, köstlichem Essen und unserer Entdeckung der japanischen Badekultur („Sento“ heißen die Badehäuser, die nahezu überall, auch in großen Städten, anzutreffen sind, während „Onsen“ solche mit eigenen heißen Quellen sind) verging die Zeit im Fluge.

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Daifuku, die beste Süßigkeit der Welt

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Nach diesen schönen Tagen fuhren wir weiter nach Naoshima, einer sehr sehenswerten kleinen Insel in der Inlandsee, die viele Kunstprojekte und Museen inzwischen zu einer regelrechten Kunst-Insel gemacht haben. Es war genial!

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Der Fährhafen Naoshimas mit einem „Kürbis“ von Yayoi Kusama – der Künstlerin aus Matsumoto

3. Yakushima und Kyushu

Die letzte große Station unserer Reise führte uns bis ganz in den Süden, noch südlich von der großen Südinsel Kyushu liegt die kleine Insel Yakushima, deren Berge aus dem subtropischen Regenwald immerhin knapp 2.000m hoch aufragen. Der moosige und wilde Wald mit uralten Zedern diente als Vorbild für Studio Ghiblis „Prinzessin Mononoke“. Wir badeten in zahlreichen heißen Quellen mit wunderbar mineralischem Wasser, bevor wir uns zu unserer dreitägigen Durchquerung der Insel von Süd nach Nord aufmachten.

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OLYMPUS DIGITAL CAMERADer erste Tag der Tour war ein wilder Kampf durch den Urwald, über oder unter Baumstämme, es gab sogar eine Blutegel-Attacke. Nach 10 Stunden wilder Plackerei sind wir sehr erledigt in unser Zelt gekrochen! Die beiden anderen Tage sind die klassische Yakushima-Wanderung, die viele japanische Touristen unternehmen, daher war der Weg hier gut ausgebaut und gemütlich zu gehen. Am Morgen des dritten Tages kamen wir dann am berühmten Jomon-Sugi vorbei, Japans größter Zeder, mit einem Stammumfang von 28m. Schätzungen zufolge ist dieser Baum zwischen 2200 und 7200 Jahre alt! Nach unserer Tour entspannten wir uns am Meer, bevor wir nach Kyushu aufbrachen.

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OLYMPUS DIGITAL CAMERADen Schlussteil unserer Reise stellt Kyushu dar. Auf der für ihren Vulkanismus bekannten großen Südinsel sind wir von Onsen zu Onsen gereist und haben zwischendrin mit kleinen Wanderungen die Gegend erkundet. So auch am Berg Aso, der weltgrößten Caldera, in deren Mitte Japans aktivster Vulkan Nakadake aufragt. Wegen giftigen Dämpfen und besonderer Aktivität war tatsächlich das Gebiet weiträumig gesperrt, sodass wir unsere geplante Wanderung auf einen Spaziergang beschränken mussten.

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Unzen Onsen ist ein kleiner Kurort in Kyushu und Japans ältester Nationalpark. Hier steigen Schwefeldämpfe direkt aus der Erde und das kochende Wasser wird in Staubecken gesammelt und mit Rohren in die Badeanlagen der verschiedenen Onsen-Hotels geleitet.

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Direkt hinter Unzen erhebt sich ein kleiner Berg, der eine herrliche Aussicht auf Shimabara und die Bucht von Kumamoto bietet. Ausserdem kann man hier auf Japans jüngsten Berg Heisei-Shinzan blicken, der bei einem Vulkanausbruch 1992 erst entstanden ist (im Bild nicht zu sehen – dafür sieht man am Horizont im Dunst leicht den Supervulkan Aso-san).

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In der Aso-Caldera wird Landwirtschaft betrieben und am Wegesrand blühen die für Japan so typischen Cosmea.

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Den glorreichen Abschluss unserer Reise bildete die Nächtigung in einem Ryokan (einer gehobenen traditionellen Herberge) in Kurokawa Onsen!

So faszinierend abwechslungsreich und reizvoll Japans Natur und Wandermöglichkeiten waren, am Meisten beeindruckt hat uns die Offenheit und Herzlichkeit der Menschen. Mit unseren fragmentarischen Japanischkenntnissen kamen wir zwar nur gerade so durch, aber die Liebenswürdigkeit, die uns ein ums andere Mal entgegengebracht wurde, hat uns verzaubert. Als wir nach der langen Reise nach Tokyo zurückkehrten, wo wir noch fünf Tage verbrachten, fühlten wir uns nicht mehr wie Touristen – Japan war ein Stück Heimat geworden.

Dirt time

Mein letzter Eintrag stammt vom 14. März – genau ein halbes Jahr ist seitdem vergangen. Ein halbes Jahr, in dem ich sehr beschäftigt war. Die erste Hälfte davon stand noch ganz im Zeichen der Masterarbeit, die ich Ende Juni eingereicht habe; nicht weil ich eine Abgabefrist der Uni einhalten musste, sondern weil ich selbst mir diese Frist gesetzt hatte: bevor ich im August verreisen würde und mich anschließend um Jobs bemühen, wollte ich einen Monat Zeit für mich. Zeit, um noch einmal in mich zu gehen, um reif zu sein für den anstehenden Übergang vom Studium ins Berufsleben. Und wo würde ich mehr zur Besinnung kommen als draußen in der Natur? Mein Plan war schnell ins Auge gefasst – ich würde einen Monat draußen leben, so intensiv wie möglich.

Teil I

Mein Rucksack für einen Monat war nicht besonders groß. Einen dicken Wollpullover, eine Mütze, einen Poncho, ein Messer mit Feuerstahl, eine Trinkflasche, ein Alutopf. Außerdem hatte ich zwei Bücher zur Bestimmung von essbaren Wildpflanzen dabei, einen Zeichenblock und ein Notizheft – und als Notration 3kg Reis und 1,5kg rote Linsen. Und natürlich mein Fernglas.

Als Ziel wählte ich den Nordrand der Ammergauer Alpen, wo die Grasberge in die Moore und Seen des bayerischen Voralpenlandes auslaufen. Feuchtgebiete, so habe ich in Johannes Vogels „Pflanzliche Notnahrung“ gelesen, sind besonders ergiebig an wilder Kost. Schon während ich vom Bahnhof durch einsame Wege in der Mittagshitze spaziere, bleibe ich immer wieder stehen und pflücke hier und dort Brennnesselsamen. Wenn man von unten nach oben über die Pflanzen streicht, brechen die kleinen Stacheln ab, ohne dass man das Gift abbekommt. Auch die Samen habe ich nach ein paar lehrreichen Versuchen immer zwischen den Fingern zerwuzelt. Am Lauf der wilden, jungen Ammer entlang bin ich immer weiter ins Gebiet hineingewandert und habe mir schließlich einen sumpfigen Wald – feucht war es überall – als Lagerplatz ausgesucht. Überall entsprangen kleine moorige Bächlein; nachdem nirgends Almflächen waren, trank ich guten Gewissens und ließ mich vom leicht moorigen Geschmack nicht stören. Der Boden war dicht mit Moos bedeckt, und auf einer kleinen Lichtung, die eine riesige abgestorbene Fichte hinterlassen hatte – ihr Stumpf ragte noch 4-5m, von Baumpilzen übersät, empor – war es sogar vergleichsweise trocken. Frohen Mutes begann ich den lustigen Laubhüttenbau: An einen umgefallenen Baumstamm lehnte ich dickere Äste eng aneinander, die in der Umgebung en masse vorkamen; der Wald bestand zwar nur aus Fichten, jedoch in allen Altersklassen, reichlich Totholz stehend und am Boden eingeschlossen. Nach der ersten dicken Schicht morscher Äste siedelte ich ein paar größere Moosfladen um und stopfte die Löcher. Weiter hinten hatte der Sturm eine große Fichte umgeworfen, ich konnte die noch grünen, aber schon leicht abzubrechenden Zweige (‚Dachsen‘) sammeln, um die Wand zusätzlich zu verstärken. Auch den Boden legte ich mit ihnen aus. Schließlich kam ich noch drauf, dass sich der Baumstamm ganz kinderleicht entrinden ließ und klatschte riesige Rindenstücke als Schindeln auf mein neues Daheim. Für eine Feuerstelle schleppte ich sogar extra dicke Flusskiesel herauf in den Wald, um neben dem mächtigen Baumstamm, an dessen Fuße ich mein Lager aufgeschlagen hatte, auch ein Feuerchen zu entzünden. Die Moorerde und den dünnen Bewuchs etwas zur Seite befördert ließ ich die Kiesel in den Boden ein und bildete mir ein, dass der Schaden so geringer werde. Als ich das Brennholz holte, dämmerte es bereits – aber ich war bereit für die Nacht.

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Blick auf meine Lagerstelle im sumpfigen Wald

Als ich meine letzten verbliebenen Brennnesselsamen naschte und ins kleine Feuer sah, ging allmählich ein riesiger Vollmond auf, der direkt in die Schneise meiner kleinen Lichtung hineinschien. In der Ferne hörte ich eine Waldschnepfe tröten, und näher einen Waldkauz. Zu meiner kompletten Verzauberung stiegen dann plötzlich rund um mich herum Glühwürmchen auf! Der ganze Wald war feenhaft erleuchtet von hunderten kleinen gelbgrünen Lichtlein. Als ich etwas später dann in meine Höhle kroch blickte ich noch in die Baumwipfel, hinter denen der Sternenhimmel leuchtete, und unter denen immer wieder kleine Glühwürmchen herumirrten.

So herrlich der Auftakt meiner Zeit dort war, die Entbehrungen ließen nicht lange auf sich warten. Zunächst fiel die Temperatur trotz der Julihitze soweit ab, dass ich am frühen Morgen nur in meinem Pullover zu frieren begann. Ich versuchte weiterzuschlafen, wirklich erholt war ich aber nicht, als ich dann kurz vor Sonnenaufgang zum Fluss hinunter ging. In den ersten Sonnenstrahlen wärmte ich mich wohlig auf, aber es war nicht nur die nächtliche Kälte, die mir schon am zweiten Tag zusetzte – mein Moorbächlein beanspruchte mich ziemlich. Ich fühlte mich nicht nur müde, sondern auch sehr schwach – meine ganze Kraft schien in meinen Bauch gewandert zu sein. Immerhin war mir nicht übel und Durchfall hatte ich auch keinen. Sowas Dummes, gleich am ersten Tag; dabei hatte ich bisher noch nie Probleme mit Wasser in den Bergen. Sicherheitshalber habe ich gleich eine Sickergrube in die Kiesbank am Ufer gegraben um die Uferfiltration zu nutzen. Für warme Nächte packte ich mir meinen Poncho einmal mit frischem Heu voll (der Bauer möge es mir verzeihen); ab sofort war mir nachts eher zu heiß als zu kalt. Das frische Wasser tat gut, und bald machte ich mich daran, Essen zu sammeln. Brennnesseln wuchsen hier reichlich, und bald hatte ich den Unterschied zwischen Männchen und Weibchen auch kapiert. Weil die Samen noch nicht so groß waren, war das eingangs gar nicht so einfach. Mittags gab es dann geröstete Brennnesselsamen mit Brennnesselspinat (Blätter, die ich mit meinen geschnitzten Stäbchen ins kochende Wasser hielt um sie zu blanchieren). Ohne Salz. Ich musste mich wirklich zwingen, das aufzuessen. Ein Erkundungsstreifzug am Nachmittag kam nicht sehr weit, ich war einfach immer noch viel zu schwach – und die Wildpflanzen gaben mir nicht die erhoffte Power. Tatsächlich war es wohl auch etwas viel des Guten, von 0 auf 100 auf wilde Kost umzusteigen.

Nach einer warmen und erholsamen Nacht hatte ich einen herrlichen Sonnentag vor mir. Gleich nach einem Frühstücks-Fichtentee spazierte ich los. Unterwegs füllte ich immer wieder meine Wasserflasche an kleinen Bächen auf (die nicht aus Mooren oder von Almen kamen) und schnabulierte Brennnesselsamen und Seggensamen, die deutlich besser schmecken. Mitten im Wald begegnete ich einem Förster bei einer winzigen Hütte, sah einen Sperber mit erbeuteter Singdrossel vor den Attacken der anderen Drosseln ausweichen, beobachtete zwei Baummarder, die über die Straße ins dichte Pestwurz-Blattwerk flüchteten, und machte eine etwas trockenere Gegend ausfindig. Dorthin wollte ich morgen umziehen, vorher grub ich mir aber noch eine Große Klette aus, deren Pfahlwurzel etwa so groß wie drei Karotten ist und scheinbar voller Nährstoffe. Abends saß ich im sommerlichen Sonnenschein am Ufer der Ammer und köchelte mir meine Wurzel. Der betörende Karottengeruch ließ mir das Wasser im Munde zusammenlaufen! Den Sud habe ich dann als Tee getrunken, und ich habe richtig gespürt, wie mein Körper die Mineralstoffe aufgesogen hat. Wie Wurzel selbst war so la-la. Der obere Teil recht holzig und kaum zu kauen, der untere dagegen noch zart und fein. Mit einem grummelnden Bauch bin ich dann nachts durch den finsteren Wald zu meinem Lager hochgeschlichen.

Zwar habe ich gut geschlafen, aber als ich morgens erwacht bin, war mir elendig übel. Die Wurzel war wohl etwas zu viel des Guten gewesen. Entsetzlich schwach wie ich war, schleppte ich mich zum Fluss und entzündete ein Feuer, auf dem ich mir dann einen Tee aus Schafgarbe und wildem Thymian kochte, der tatsächlich auch gleich Besserung brachte. Verärgert über meine Gebrechen öffnete ich auch den Reis, um mich etwas zu stärken. von nun an habe ich eine Handvoll Reis oder Linsen morgens und abends verspeist; den Naturreis ohne Salz kann ich wirklich nicht empfehlen, das nächste Mal schon lieber schönen Klebereis, oder nur Linsen, denn die waren gut genießbar. Mein Lager habe ich dann tatsächlich aus dem Sumpfwald (die Mücken und Bremsen habe ich jetzt mal einfach unter den Tisch fallen lassen, aber ja, es gab sie) umverlegt in einen Hang weiter westlich, ganz in der Nähe der Rotwildeinstände. Nachts sind die Hirsche an mir vorbei marschiert, und bei meinen Streifzügen ist mir klar geworden, dass nicht nur Rehe bellen können. Auf 10m unabsichtlich einen Hirsch aufzustöbern ist schon eine Kunst!

Die sonnigen Tage habe ich vollends ausgekostet, ich bin zu den Moorseen gewandert und schwimmen gegangen, habe eine ausgedehnte Bergtour gemacht und jeden Winkel auf der Karte durchstöbert, der halbwegs nach einem guten Lagerplatz für die restlichen drei Wochen ausgesehen hat. Ich habe Pflanzen gesammelt, Spuren gelesen, Tiere beobachtet, meditiert, in der Mittagshitze im Bach gebadet oder im Schatten der Bäume gedöst. Ich habe die Aussicht genossen und meine Fragen gewälzt, die Glühwürmchen bestaunt, dem Gewitter zugejubelt, die frische Luft genossen, bin barfuß gegangen, habe Feuer gemacht, geschnitzt und immer wieder gegrübelt.
Bald ist mir aber einiges klar geworden: 1. war die Gegend von starker landwirtschaftlicher Nutzung geprägt; Fichtenmonokulturen soweit das Auge reicht, noch dazu eingezäunt als Waldweiden – meine Lagerplätze in dem moorigen Fichtenwald und einem steilen Waldhang waren die Ausnahme (und erklären die Nähe zum Rotwild, das ja auch ausweichen muss), außerdem: Mücken immer und überall; 2. hat mich die Wildpflanzenkost zunächst so geschwächt, dass ich innerhalb dieser wenigen Tage stark abgemagert bin (Into The Wild lässt grüßen), diese Entwicklung konnte ich zwar durch die Reis- und Linsenzusätze aufhalten, ohne Salz war diese Kost für mich als Gourmet allerdings eine sehr harte Probe; 3., und das hat am allermeisten ausgemacht, ist mir nach dieser einen Woche, die ich inzwischen allein im Wald verbracht habe, sehr viel klar geworden. Meine eigenen Fragen, Gedanken und Gefühle haben sich erstaunlich gut entwirrt und zu der noch nie so erfahrenen, sonnenklaren Gewissheit geformt, dass mein Ort nicht hier, allein im Wald ist, sondern an der Seite meiner Frau und meiner Freunde und meiner Familie (Into The Wild grüßt auch hier, jaja). So hatte ich in dieser Hinsicht schon nach einer sehr sehr intensiven Woche gefunden, was ich in einem Monat finden wollte.

Teil II

Nachdem ich einige Tage zuhause, ohne Internet im Liegestuhl verbracht hatte, München im Sommer mit meiner Frau zusammen genossen habe, jeden Bissen mit unendlichem Genuss gekaut habe, mich aber auch über den fragwürdigen Komfort von abgeschlossenen Häusern, sauberen Duschen und das seltsame Gefühl, auf einem Stuhl zu sitzen gewundert habe, war mir klar, dass ich noch einmal raus muss. Nicht mehr, um meine eigenen Fragen zu verfolgen, sondern um der Natur zu begegnen und zu danken für das was ich zuvor erleben konnte. So intensiv die erste Woche war, meine Wahrnehmung war trotz allem eher nach innen als nach außen gerichtet; das wollte ich jetzt nachholen.

Diesmal hatte ich mehr Gepäck dabei: Genügend Proviant, aber auch eine Plane, Isomatte und Schlafsack. Ich wollte mich ganz auf die Beobachtungen konzentrieren. Nach einer gemeinsamen Bergtour im Karwendel bin ich dann in den Bergen geblieben und habe mir ein einsames Tal gesucht, das von den Schottermassen des Wildbaches bizarre Formen angenommen hat. Eine Woche lang zog ich durchs Gebüsch, saß stundenlang in der Gegend herum und habe beobachtet, wie ich allmählich unsichtbar wurde und Tiere ungestört in meiner Nähe vorbeikamen. Einmal, als ich vom späten Nachmittags bis in die Nacht hinein am Flussbett saß, hoppelte in der frühen Nacht ein Hase an mir vorbei. Hätte ich meinen Arm weit genug ausstrecken können, hätte ich ihn berühren können. Einige andere, sehr beglückende Tierbegegnungen hatte ich, als ich barfuß und mit aller Seelenruhe, aufmerksam aber zugleich komplett entspannt, mit einem Gefühl, zuhause zu sein, durch die Landschaft lief. Für zwei Nächte hat mich auch ein Freund besucht, und wir haben gemeinsam die Gegend erkundet.

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Mitten im Kalkschotter standen einige Bäume, die inmitten der extremen Bedingungen noch immer weiter lebten

Den letzten Tag verbrachte ich damit, von Sonnenauf- bis -untergang an einer Stelle zu sitzen, zu beobachten, zu meditieren, zu dösen. Ich glaube ich habe noch nie einen Tag so bewusst erlebt.

Teil III

Im Anschluss an diese Wochen habe ich noch eine kleine Bergtour unternommen, für 4 Tage wollte ich unterwegs sein. Mein Gepäck war klassisch „ultralight“, vor allem aber mein ganzes persönliches Gepäck war sehr leicht geworden nach diesen Wochen. So bewusst und genussvoll bin ich selten am Berg gewesen.

Scan 2

In aller Ruhe und mit scheinbar endloser Energie lief ich die geplante Route schon in drei Tagen ab; ich hatte das Gefühl überall dort draußen zuhause zu sein – und ganz anders als in dem schlechten Sinn des bekannten Outdoor-Konzerns, der das Drinnen mit seiner Ausrüstung nach Draußen bringen will.

Mir stellt sich nun eher die Frage und die Aufgabe, wie man das Draußen am Besten auch nach Drinnen bringen kann. Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im abgeschlossenen Wohnzimmer, dabei scheint sogar die Sonne draußen. Wie können wir „draußen zuhause“ bleiben/werden in einer Welt, die alles auf die Präsenz und Verfügbarkeit eines ‚drinnen‘ hin organisiert? Draußen ist der Ort, an dem man Anderen und Anderem begegnet, draußen ist der Ort des Politischen, des Ethischen. Mir kommt vor, dass wir andere Routinen brauchen, andere Lebensformen, die Verbindung zu Anderen (wie zu uns selbst) unterstützen anstatt sie mit unseren Selbstverständlichkeiten zu kappen. Ich glaube, dass ein Sitzplatz eine solche Routine werden kann, oder ein täglicher Nachmittagsspaziergang. Entscheidend aber bleibt die Möglichkeit, die eigenen Erfahrungen mit anderen zu teilen. Schaffen wir also gemeinsam solche Möglichkeiten, eine solche Kultur, indem wir – unter Andere – nach draußen gehen.