Schlüssel zur Naturbeobachtung: der Sitzplatz

P1120605

Der Tannenhäher ist ein aufmerksamer Beobachter – und viele andere Beobachter im Wald beobachten ihn und seine Reaktionen auf seine Beobachtungen. Auch wir können das!

Click here for the English version!

Kein noch so hochwertiges Fernglas kann einem die Beobachtungen und Naturerfahrungen ermöglichen, die einem am Sitzplatz einfach so zuteil werden. Diese Routine als Beobachtungstechnik fasziniert mich ganz besonders, und lässt einen innerhalb kürzester Zeit unfassbar intensive Erfahrungen mit der wilden Natur vor der Haustür sammeln, die schließlich auch ein Verständnis von Natur überhaupt näher bringen. In diesem Blogpost möchte ich dazu anregen, sich einen Sitzplatz zu suchen und regelmäßig dort hin zu gehen!
Wenn ich zurückdenke, sind es genau solche Sitzplatz-Erfahrungen gewesen, die als Kind meine Begeisterung für die Natur geweckt haben. An irgendeinem schönen Fleck in der Natur einfach länger sitzen bleiben und hellwach die Augen und Ohren spitzen. Und dann zu diesem Ort regelmäßig zurückkehren und das Stillsitzen wiederholen.
Als Bub bin ich manchmal abends auf einen von mir favorisierten Hochstand geklettert und habe so lange still mit meinem Fernglas gewartet, bis sich vielleicht ein Reh gezeigt hat. Diese Beobachtung hat mich dann für Wochen mit Begeisterung erfüllt! Aber meine Freunde haben sich für andere Sachen interessiert und nachdem ich sonst niemanden hatte, der mir geholfen hätte, diese Begeisterung zu fokussieren und ihr nachzugehen, war es erst nach der Schule, dass ich als junger Erwachsener mit einem freiwilligen ökologischen Jahr meiner Liebe zur Natur mehr Platz einräumte. Auch dort habe ich die besten Beobachtungen auf einem Sitzplatz gemacht, und die Erfahrung des schweigenden Waldes, der plötzlich nicht mehr schweigt, war seitdem auch philosophisch für mich ein interessantes Phänomen. Erst seit meiner Naturführerausbildung und mit den regelmäßigen Führungen aber bin ich dazu gelangt, systematisch an einem Sitzplatz Naturbeobachtungen zu machen. Besonders die Wildnisschulen in der Tradition von Jon Young und Tom Brown und deren Mentoren betonen die Bedeutung dieser Routine.

Wo soll mein Sitzplatz sein?
P1010269

  • Ideal ist ein Ort, der dreierlei bietet: 1. offene Flächen, Wiesen/Rasen- oder Ackerflächen, 2. Wald oder Baumgruppen, außerdem einzelne Bäume, Hecken, Sträucher, 3. Wasser, idealerweise fließend als kleiner Bach, auch ein Teich ist ausgezeichnet, ansonsten auch ein Feuchtgebiet. Dabei sollte der ganze Ort möglichst viele verschiedene Arten beherbergen und naturnah ausgerichtet sein. Auf dem Foto oben sieht man eine extensiv genutzte Wiese, eine Hecke mit verschiedenen Gehölzen und schließlich ein Stück Mischwald – zwar ist hier kein Wasser dabei, aber als Sitzplatz ist ein solcher Fleck trotzdem perfekt geeignet.
  • Weil ganz entscheidend die Regelmäßigkeit der Beobachtung ist, sollte der Ort auch innerhalb von 5-10 Minuten von Zuhause aus erreichbar sein! Gerade wenn man in der Stadt lebt, kann man auch einfach mit dem nächstbesten Park vorlieb nehmen, oder mit Gärten oder industriellen Brachflächen auf denen Gräser, Bäume und Büsche aufkommen (besonders spannend!). In der Satellitensicht von Google Maps kann man z.B. sehr gut die nächste Freifläche eruieren!
  • Außerdem finde ich es angenehm aus der Sichtbahn von anderen Menschen herausgenommen zu sein, sodass ich mich ganz auf die Beobachtung konzentrieren kann.

Wann beobachte ich?
P1130603

  • Der Clou an der Sache ist die Regelmäßigkeit, am Besten gehst Du jeden Tag für 30-60 Minuten auf deinen Sitzplatz. Je häufiger und länger, desto besser, aber kaum jemand hat unbegrenzt Zeit zur Verfügung. Ich rechne mit 5 Min. hin- und Rückweg ca. 1 h, sodass ich 45 Min. effektiv sitzen und beobachten kann.
  • Je nach Tageszeit wirst Du andere Tiere und anderes Verhalten beobachten. Um deinen Sitzplatz wirklich gut kennenzulernen, geh am Besten auch einmal zu unterschiedlichen Zeiten – hier kannst Du Dich zusehends steigern. Weil alle Tiere mehr oder weniger eine Routine haben, lernst Du diese relativ schnell kennen. Kennst Du deinen Platz dann mittags und abends bei jedem Wetter in- und auswendig, kannst Du dir einmal den Sonnenaufgang oder die Nacht dort anschauen.
  • Im Lauf der Jahreszeiten lernst Du dann außerdem nicht nur den großen Kreislauf der Natur, sondern die ganzen kleinen der Tiere kennen, die an den großen gebunden sind. Hältst Du deine Routine über ein Jahr durch, hast Du bereits einen ersten Vergleich zu den Zusammenhängen mit der Witterung und Jahreszeit.

Wie beobachten?

P1140521

Wer war hier am Werk? Diese ringsum „ringelnden“ Hackspuren stammen von Spechten, die besonders im Frühling den kalorienreichen Baumsaft anzapfen. Mit dem Lineal ist es klar: hier handelt es sich um Spuren des Dreizehenspechtes, dessen Löcher nur 1-2 cm auseinander liegen, während der Buntspecht 3-4cm Abstand lässt.

Im Prinzip gilt es einfach so aufmerksam wie möglich die Umgebung zu studieren. Aber was heißt genau studieren? Ein paar Tipps können das Schauen deutlich erleichtern:

  • viel wichtiger als der Name der Tiere, die Du beobachtest, ist ihr Verhalten. Bevor Du also herausfinden willst, wie nun dieser Käfer und jener Vogel heißt, beobachte, was sie tun! Wo halten sie sich dabei auf? Verändert sich ihr Verhalten bei verschiedenen Tageszeiten, (Jahreszeiten) und unterschiedlichem Wetter? Versuche, einzelne Individuen zu erkennen, und schau so genau hin, bis Du besondere Merkmale erkennst, die sie von Artgenossen unterscheiden. Dann kannst Du auch versuchen sie in einem Bestimmungsbuch (siehe Literatur unten) wieder zu finden – auch das schult den Blick.
  • Mache Aufzeichnungen! Führe Tagebuch über deine Beobachtungen, anfangs vielleicht im 10-Minuten-Takt, später nach der Sitzplatz-Session zuhause. Zeichne die beobachteten Tiere! Die meisten können einen Spatz oder eine Taube wohl erkennen, aber könntest Du sie auch zeichnen? Das zwingt ganz besonders zum aufmerksamen Beobachten. Auch Tierspuren, die Du am Sitzplatz und in der näheren Umgebung finden wirst, kann man aufzeichnen, vermessen, und ihnen nachgehen – so lange bis Du nicht nur den Urheber, sondern eine ganze Geschichte entdeckt hast, warum, wann, wie, und was er dort trieb. Zum Spurenlesen gibts HIER mehr. Hast Du deine Beobachtungen erst einmal aufgeschrieben, stehen sie Dir gegenüber und stellen wie von selbst Fragen: Warum sind die piepsenden Vögel immer in dem großen Baum links oben? Was machen die dort eigentlich? Was fressen sie, und wo schlafen sie?
  • Um solche Beobachtungen zu machen, ist ein Fernglas natürlich hilfreich. So genial es Dich den heimlich umherstreifenden Tieren näher bringt, so auffällig bist Du aber auch, wenn du hektisch mit dem Glas vor den Augen hin und her wankst. Außerdem bekommt man so nur ganz spezifische Details mit und nicht den Zusammenhang. Ich habe meistens ein Fernglas dabei, und wenn ich etwas aus dem Augenwinkel entdeckt habe, dann nehme ich es langsam und entspannt zur Hand und kann so im Zweifel länger das entsprechende Tier beobachten.
  • Ganz besondere Aufmerksamkeit solltest Du den Vögeln schenken, die wie Zeichen für die Anwesenheit von bestimmten Tieren ausschlagen. Ein Vogel fliegt nie umsonst auf, so viel Energieverlust kann er sich nicht leisten. Also muss ihn etwas vertrieben haben/anziehen. Beobachtet man nun genau die Art des Auffliegens, erkennt man schnell, ob es eine größere (Sperber/Habicht) oder kleinere (Katze/Fuchs) Gefahr war, oder ob der Vogel völlig entspannt ist. Außerdem zeigen uns gerade kleinere Singvögel wie Meisen, Rotkehlchen, Amseln und andere Drosseln durch ihre Stimmen an, wie es ihnen geht: der lange Gesang ertönt meist nur, wenn keine Gefahr in Sicht ist, denn dann kommen Warn- und Alarmrufe zum Einsatz. Jede/r hat vermutlich schonmal die Erfahrung gemacht, eine Amsel auf dem Weg verscheucht zu haben. Das leicht vorwurfsvolle „tut-tut-tut“ ist ein erster Warnruf, zuvor hat sie aber meistens schon Essen aufgehört und nervös den Kopf gehoben. Auf solche Signale zu achten ermöglicht am Sitzplatz ein schnelleres Verständnis der Zusammenhänge zwischen den Tieren. Auch wenn auf den ersten Blick die Bewegungen und Rufe der Vögel recht chaotisch scheinen, bei längerer Betrachtung versteht man immer eher ihr Verhalten und kann dann allmählich Schlüsse daraus ziehen. In diesem Video erklärt Jon Young (englisch) sehr nett, was genau es mit Vogelsprache auf sich hat.

P1130593
Relativ bald, wenn Du eine Sitzplatz-Routine etabliert hast, können Dir die verrücktesten Sachen passieren: Da kommt plötzlich ein Rehbock drei Meter neben Dir aus dem Gebüsch und lässt sich von Dir nicht stören – oder du siehst den Fuchs in der Sonne faulenzen – oder du entdeckst eine Eule auf ihrem Schlafbaum oder beobachtest das Liebesspiel von einem Meisenpaar. Und nicht nur am Sitzplatz selbst wirst du schnell unglaubliche Beobachtungen machen, deine Sinne werden sich durch diese Techniken generell schärfen, sodass Du überall mehr mitbekommst von all den normal unsichtbaren Tieren rund um uns herum! Das Problem ist nur, so diszipliniert zu sein, wirklich regelmäßig zum Sitzplatz zu gehen… aber es lohnt sich.

Zur Inspiration, zur Recherche, zur Bestimmung: Literatur.

Viele hilfreiche Ratschläge enthalten z.B. die englischen Publikationen von Jon Young:
Sehr sehr empfehlenswert! Gut zu lesen und extrem informativ und inspirierend! Mein Lieblingsbuch aus der letzten Zeit.
Jon Young. What the Robin Knows. How Birds Reveal the Secrets of the Natural World. Mariner Books: New York, 2013.

Auch sehr informativ, etwas trockener, dafür dicker und umfassender.
Jon Young, Tiffany Morgan. Animal Tracking Basics. Stackpole Books: Mechanicsburg, 2007.

Auch gut und deutsch ist das Buch von Ralph Müller, wenn man vielleicht von einem gewissen Hang zur Esoterik absieht, mit dem ich nicht viel anfangen kann. Insgesamt aber empfehlenswert und sehr informativ!
Ralph Müller. Die geheime Sprache der Vögel. AT Verlag: München, 2010.

Als Spurenbestimmungshilfe verweise ich hier nochmal auf die schon in meinem Spurenlesen-Post empfohlene Literatur: Besonders den von Bang/Dahlström, oder das modernere von Olsen mit schönen Fotos. Günstiger und auch gut ist Ohnesorge/Scheiba. Generell empfehlenswert sind auch ältere Spurenbestimmungsbücher! einfach auf Eurobuch.com z.B. suchen, dann bekommt man sie sehr günstig und oft mit mehr Text.

Für Vögel kann ich die „Natur kompakt“-Reihe von Dorling Kindersley als ausführlichen und trotzdem kleinen Führer für unterwegs empfehlen (Vögel. 300 Arten entdecken & bestimmen); für die genauere Bestimmung zuhause, wie in meinem Post zur Winterfütterung beschrieben, sind die handgezeichneten Vögel aus Der Kosmos Vogelführer: Alle Arten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens einfach perfekt – ideal gleich in der großen Ausgabe (die allerdings nicht ganz billig ist).

Für die Säugetierbestimmung kann ich Pareys Buch der Säugetiere empfehlen, auch bei Eurobuch.com antiquarisch zu erhalten.

Ich hoffe, dass ich Lust machen konnte, sich einen Sitzplatz zu suchen und dort Beobachtungen zu machen. Über Rückmeldungen und Geschichten würde ich mich natürlich sehr freuen!

 

 

 

Mit Schneeschuhen durch die Winterstille

Wandern im Winter? Klar, mit Schneeschuhen!

Click here for English version!P1110402Damit man so aber auch ungefährlich Spaß haben kann, gilt es einiges zu berücksichtigen: warum Schneeschuhtouren sehr lohnenswert sind will ich hier genauso beschreiben, wie was es alles zu beachten gibt, um nicht das Leben der Tiere im Wald oder natürlich das eigene zu gefährden.

Die Freuden der winterlichen Natur habe ich in den letzten beiden Posts ja schon besprochen, Beobachtung von Vögeln an der Fütterung sowie Spurenlesen! Mit Schneeschuhen kann man Tierspuren nun nicht nur neben dem Spazierweg entdecken, sondern auch den Winteralltag der Tiere im Gebirge erkunden, bzw. dort, wo eben nicht geräumt wird. Außerdem verschlägt es in der Regel wenige (wenn auch wachsende) Zahlen von Besuchern auf die verschneiten Gipfel – die meisten Touristen bleiben auf der Skipiste. So hat man die eiskalt verzauberte Bergwelt plötzlich ganz für sich alleine und kann die schweigende weiße Weite viel besser in sich aufsaugen!P1110377Gleichzeitig aber bringen diese besonderen Möglichkeiten auch Probleme mit sich!Für die allermeisten heimischen Tiere ist der Winter nämlich jedes Jahr eine Herausforderung, bei der es ums Überleben geht. Gerade das alpine Klima, bei dem Temperaturen von -20°C keine Seltenheit sind, verlangt seinen Bewohnern alles ab. Wenn wir unsere beheizten Wohnungen für eine Schneeschuhtour verlassen, sollten wir darum versuchen, jede unnötige Störung zu vermeiden. Die wohl wichtigste Richtlinie hierfür lautet: auf den Wegen bleiben! (Z.B. auf verschneiten Forststraßen – dort geht es sich auch angenehmer!) An regelmäßig passierende Winterwanderer gewöhnen sich Hirsch, Reh und Gams leicht – umso beängstigender ist es für sie darum, wenn ein Zweibeiner plötzlich den Weg verlässt. Die oftmals panische Flucht kann im Tiefschnee leicht zur völligen Erschöpfung und zum Tod führen. Darum ist es ratsam, die im Wald zurückgelegte Strecke möglichst kurz und eher auf Forstwegen zurückzulegen – je tiefer der Schnee, desto wichtiger ist diese Regel! Danach, oberhalb der Baumgrenze, kann man sich dann freier bewegen, da die hier lebenden Tiere einen schon von Weitem kommen sehen. Aber auch, und gerade hier, gilt es ein weiteres Thema zu berücksichtigen!

P1110392

Steiler sollte es – lawinentechnisch – nicht werden!

Lawinengefahr.
Jedes Jahr kommen zahlreiche Wintersportler in Lawinen ums Leben, diese Naturgewalt wird leider allzu oft völlig unterschätzt. Um Lawinengefahr richtig einschätzen zu können ist einige Erfahrung und ein gutes Verständnis für das komplexe Zustandekommen der Schneelage erforderlich! Um bei wenig Erfahrung dennoch Schneeschuhtouren zu machen, ist große Vorsicht geboten.

  • Unverzichtbar: Ausgiebige Information im Vorfeld über die Schneelage, z.B. in Tirol der Lawinenlagebericht!
    Dort wird in Gefahrenstufen unterschieden, von 1 (gering) bis 5 (sehr groß). Generell sollte man Touren über der Baumgrenze nur bei Stufe 1 durchführen und nur mit:
  • Lawinenausrüstung im Gepäck! Pieps, Sonde und Lawinenschaufel sind absolut notwendiges Material, das man im Rucksack mit sich führen sollte. Aber die Ausrüstung allein hilft gar nichts: man muss die komplexen Such- bzw. Bergevorgänge genau vor Augen haben, damit es im Ernstfall auch etwas hilft.
  • Nur im flachen Gelände, unter 20° Neigung! Das Bild oben zeigt in etwa, welche Steigung mit Schneeschuhen problemlos machbar ist; dort ist auch die Lawinengefahr sehr gering und eine Auslösung extrem unwahrscheinlich.
  • Unter der Baumgrenze bleiben: Wer in ähnlicher Steigung wie oben, aber unterhalb der Baumgrenze unterwegs ist, muss deutlich weniger befürchten: hier schützen z.B. die Bäume meist vor starken Windverpressungen, die Schneebretter entstehen lassen. Aber auch hier gilt: Immer den Lawinenlagebericht zu Rate ziehen!

P1110383Einfach fröhlich drauf los marschieren ist bei Schneeschuhtouren also ganz falsch. Wenn man aber die Verhältnisse gut im Auge behält, entsprechend vorbereitet ist, im Wald hauptsächlich am Weg bleibt und Fütterungen wie Ruhegebiete meidet (bei Ortsansässigen auch oft erfragbar, natürlich auch direkt beim Jäger oder Förster), dann kann man sich eine oftmals bizarr verschneite Traumlandschaft erwandern und völlige Ruhe dabei genießen!

Einfache Alternative: Nimm Dir einen Guide! Ein qualifizierter Führer wird für deine Sicherheit alles nötige tun, sodass Du dich entspannt zurücklehnen kannst. Auch wenn Du nicht mich anstellst, in vielen Skiorten gibt es Bergwanderführer oder Bergführer die geführte Schneeschuhtouren anbieten – auch für Einzelgruppen. Wenn es dann noch ein/e Naturführer/in ist, kannst Du gleich nochmal über einen ganzen Haufen Details mehr staunen!

Rein technisch gibt es nicht so viel zu beachten, Ausrüstung bekommst Du inzwischen in den meisten Sportgeschäften – mit entsprechender Beratung – oder du leihst Schneeschuhe einfach für ein Wochenende aus. Beim Gehen einfach ganz normal laufen, nur ein kleines bisschen breiter. Das hat man schnell heraus!

Wenn also der Winter doch noch kommt, ist nicht-Skifahren-können kein Grund drinnen zu bleiben!

Spuren im Schnee

Spurenlesen ist eine Kunst, aber keine Hexerei!
In diesem Post will ich eine Einführung in die Grundprinzipien des Spurenlesens geben, das neben der Vogelfütterung – und Tierbeobachtung generell – für mich das Beste am Winter ist. Im Schnee kann man Tierspuren freilich deutlich besser verfolgen als im hohen Gras: während man im Sommer auf Pfützen, Erde, Sand o.ä. angewiesen ist, kann man im Winter bei günstigen Verhältnissen nahezu überall Spuren finden!

Im Winterfell perfekt getarnt – und doch können wir die Anwesenheit dieses Rehs an seinen Spuren ablesen!

Es scheint mir sinnvoll, beim einzelnen Fußabdruck anzufangen, um dann zunehmend die Komplexität zu steigern – über die Spur bis hin zur ganzen Umgebung.

  • Das Trittsiegel: Wer war hier, und wann?

Weil „Spuren“ streng terminologisch alle Anwesenheitszeichen bedeuten und folglich auch Fraß-, Kot- und z.B. Markierungsspuren einschließen, spreche ich beim Fußabdruck vom „Trittsiegel“. Hier lässt sich oft schon ein Eindruck gewinnen, ob ihr Urheber Pfoten, Hufe oder Turnschuhe hatte.

Huf oder Pfote?

Huf oder Pfote?

IMG_1447

Huf oder Pfote?

Die meisten Trittsiegel kann man in Hufe oder Pfoten unterteilen: Hufe haben die Paarhufer Reh, Hirsch, Gams, Steinbock – Schaf, Ziege, Kuh, und der Unpaarhufer Pferd. Pfoten haben dagegen Fuchs, Dachs, Hase, Marder, Hermelin, Wolf, Bär, Luchs – Hund und Katze, und gewissermaßen auch der Mensch. Was hier neben (zumal im Winter!) seltenen Spuren wie denen von Eidechse und Schlange unberücksichtigt bleibt, sind die Abdrücke von Vogelfüßen. Nicht nur an der Fütterung kann man oft Vogelspuren beobachten, und es lohnt sich, ein Auge darauf zu werfen, ob nun der Vogel hüpft oder schreitet – so kann man Trittsiegel in der Natur dann wesentlich besser lesen.
Wer es genauer nimmt unterscheidet zwischen Zehenspitzengängern (also denen, die auf ihren Zehennägeln gehen: Reh, Hirsch & co), Zehengängern (diejenigen, bei denen sich die Pfoten/Ballen mit abdrücken: Fuchs, Katze… und die Ballerina) und Sohlengängern (hier tritt der ganze Fuß auf: Bär, Dachs, Mensch).
Wenn man nun erkennen kann, ob es sich um einen Huf, Pfoten oder einen Vogelfuß handelt, ist schon einiges gewonnen. Hier hilft es weiter sich den konkreten Nutzen der Füße, der sich indirekt mit abdrückt, vor Augen zu halten: Einigen wir uns darauf, dass Bild 1 zwei Hufe zeigt? Dann sehen wir, dass die „Schalen“, wie die einzelnen Hufe in der Jägersprache heißen, recht flach und gleichmäßig geformt sind, sodass ein sehr kleiner, aber flächiger Abdruck entsteht. Kann dieser Kollege nun entsprechendes „Schuhwerk“ gebrauchen?

P1110191

Im Gebirge zählt vor allem der Grip!

Wenn wir uns einen Bergschuh besorgen, wird uns ein guter Verkäufer auch nach dem Anwendungsprofil fragen: für gemütliche Wanderungen in Wald und Wiesen bekommen wir eine weiche Sohle, auf der wir die ganze Fläche unserer Füße gut abrollen können. Für Fels und Eis aber ist äußerste Kantenkontrolle vonnöten, weswegen die Sohle möglichst steif sein soll. Aus dem kleinen, aber flächigen Abdruck Nr. 1 können wir also schon einmal herauslesen, dass es sich hier wohl eher weniger um eine Bergsteigerin handelt. Die geringe Größe lässt zudem Rückschlüsse auf die Gesamtgröße des Urhebers zu, sodass als kleiner Waldbewohner eigentlich nur das Reh in Frage kommt (Das Reh ist übrigens nicht ein weiblicher Hirsch, sondern ein anderes Tier!).
Nr. 2 sollte hingegen Pfoten erkennen lassen. Wichtig ist hier, dass man neben den vier Pfoten und dem Ballen auch noch vier Krallen erkennen kann – damit sind Katze (und Luchs) schon ausgeschlossen, weil die ihre Krallen beim Gehen ja einziehen. Die Größe grenzt zudem die Möglichkeiten auf Fuchs und Hund ein, wobei letzterer tendenziell größere Abdrücke hat. Wer es ganz genau nimmt, der misst die Abdrücke nach und kann so mit einem Buch auf Nummer Sicher gehen.
Nr. 3 schließlich ist wohl eindeutig eine Vogelspur, also weder Huf noch Pfote. Aber handelt es sich hier um eine Amsel? um einen Raben? einen Adler? Zunächst lässt die Größe Rückschlüsse auf etwas in Krähengröße. Auffallend aber ist hier die kurze hintere Kralle! Ein Greifvogel, der eben durch seinen Griff tötet, kann diese Spur also kaum hinterlassen haben: So kann man nicht sehr gut zupacken. Umso besser aber eignen sich solche Füße zum Gehen, der entsprechende Vogel wird also die meiste Zeit am Boden verbringen. Tatsächlich handelt es sich hier um ein Rauhfußhuhn! Ich vermute ein Birkhuhn, aber erst mit einem Maßstab lässt es sich völlig sicher sagen.

Zu guter Letzt ist noch zu bedenken, dass Schnee zwischen Oktober und Mai, zwischen -25°C und +20°C sehr unterschiedliche Formen annimmt. Während kristalliger Pulverschnee Spuren eher kleiner und undeutlich aussehen lässt, kommen sie im nassen Firn sehr deutlich und groß raus. Bei Tauwetter werden zudem die einzelnen Trittsiegel mit der Zeit immer größer und undeutlicher, sodass Verwechslungen naheliegen. Die Spuren unterliegen aber immer zeitlicher Veränderung, und man kann am einfachsten am Vergleich eigener Spuren abschätzen, wann ihr Urheber vorbeigekommen sein muss. Einfach den Schnee neben der Spur andrücken und das Ergebnis vergeichen!

P1060583

Hasenspur im Pulverschnee

P1060621

Hasenspur im Firn

 

 

 

 

 

 

  • Die ganze Spur: Gangarten und ihre Gründe

Wie die beiden letzten Bilder schon zeigen, sind die einzelnen Trittsiegel natürlich auch immer in einer bestimmten Art und Weise angeordnet. Diese gibt noch mehr Hinweise als der Abdruck selbst! Zum einen hat jedes Tier eine von vier typischen Gangarten, zum anderen kann natürlich diese Gangart je nach Bedarf verändert werden. Weil gerade Wildtiere aber mit ihrer Energie lebensnotwendig vorsichtig haushalten müssen, bewegen sie sich immer wenn möglich in ihrem optimalen Rhythmus. Die klassischen vier Gangarten sind 1. der Gang, 2. der Trab, 3. der Galopp, und 4. der Zweisprung.

Im Gang bewegen auch wir uns gewöhnlich fort, Vierbeiner setzen dabei die Hinterfüße ca. in die Abdrücke der Vorderfüße. Das lässt sich gut bei Katzen beobachten! So entsteht eine versetzte Zig-Zag-Spur, die typisch ist für alle Paarhufer (Rehe, Hirsche, etc.).

Auch sehr charakteristisch ist der „geschnürte“ Trab, den wir insb. beim Fuchs oft beobachten können:
P1100329   IMG_0502 (1)

Während der Trab schneller ist als der Gang, und gewissermaßen das „Joggen“ in einer Linie bezeichnet, ist der Galopp der Sprint. Aber es gibt einige Tiere, die so am besten mit ihrer Energie haushalten:
P1110248   P1070591

Während wir links die charakteristische Hasenspur sehen, ist rechts ein Eichhörnchen gehüpft. Im Galopp streckt sich die Läuferin mit den Vorderfüßen nach vorne und schlägt die Hinterfüße darüber hinaus. Das kann man am Besten in einem Video nachvollziehen, z.B. hier.  Aber gerade beim vertrauten Anblick von Eichhörnchen wird der Galopp auch nachvollziehbar.
Wichtig ist hier fürs Spurenlesen, dass viele Tiere die ersten drei Gangarten beherrschen! Wenn nun aber ein Reh oder ein Fuchs im Galopp sind, dann sind sie auf der hohen Flucht, bzw. Jagd. Umgekehrt, wenn der Fuchs geht, dann muss es einen Grund für seine Verlangsamung geben: hat er markiert, ist er beim Bau, etc.?

Ein ungewöhnlicher Schritt ist der Zweisprung, der von einer ganz bestimmten Tierfamilie, nämlich den kleineren Mardern (also ohne Dachs und Vielfraß) bevorzugt wird:

P1060650 Hier springt das Tier wie eine Ziehharmonika: mit den Vorderfüßen kommt es auf, mit den Hinterfüßen landet es im selben Abdruck. Die Spur ist daher immer die gleiche, aber die Größe unterscheidet sich sowohl in puncto Trittsiegel als auch im Abstand der einzelnen Abdrücke. Im Bild ist die Spur des Mauswiesels, also des kleinsten Wiesels zu sehen, Hermelin, Iltis, Stein- und Baummarder hinterlassen entsprechend größere Abdrücke.

 

 

  • Der Blick fürs Ganze: Umgebung und Landschaft

Wenn man am einzelnen Trittsiegel schon einiges über dessen Urheber sagen kann, sowie darüber, wann er oder sie hier vorbeigekommen ist; wenn die Spur in ihrer Gesamtheit dann Auskunft darüber gibt, ob das Tier im entspannten Optimum war, oder ob es eher eilig davonlief oder gar in stürmischer Jagd durch den Schnee raste – so gibt uns die Spur im Kontext mit der Landschaft einen Eindruck vom Lebensraum und lässt fragen, von wo und wohin das Tier unterwegs war, und warum.

IMG_0853

Eine im Schnee verwehte und ausgetaute Fuchsspur

Wie im Bild oben zu sehen ist, folgt der Fuchs hier den Bergahornen – markiert er dort sein Revier? Sucht er dort nach Hasen, die am offenliegenden Stamm nach frischen Trieben suchen? Der Lebensraum hilft insofern, eine Spur zu bestimmen, als er natürlich die Kandidaten einschränkt – am Großen Ahornboden wird z.B. wohl kaum eine Katze sich hinverirrt haben. Umgekehrt sind Pfotenabdrücke an beliebten Spazierwegen, gerade wenn sie neben Fußabdrücken von Menschen laufen, selbstverständlich oft Hundeabdrücke und nicht die von Füchsen.
Gleichzeitig aber kann man auch die Bedeutung von bestimmten Landschaftselementen für einzelne Tierarten erkennen und z.B. schneefreie Südhänge als Futterplatz für Gämsen und Rehe, kleine Hügel als Aussichtspunkte für den Fuchs, Mulden im Gebüsch als Schlafplätze für Hasen identifizieren.

  • Literatur

Natürlich gibts auch hier was zu lesen! Bestimmungsliteratur hilft und regt an, genauer hinzuschauen. Auch macht es auch so oft einfach Spaß darin zu lesen. Empfehlenswert ist das klassische Buch von Bang/Dahlström, oder das modernere von Olsen mit schönen Fotos. Günstiger und auch gut ist Ohnesorge/Scheiba.

Wenn man diese Elemente alle zusammennimmt, kann man aus einer einzelnen Spur erstaunlich viel herauslesen! Und selbstverständlich gilt das nicht nur für Tierspuren, auch Fußabdrücke von Menschen kann man viel genauer in den Blick nehmen, als man es gewöhnlich tut. Also: wenn Du Abdrücke irgendwo siehst, dann versuche dich einfach soviel wie möglich darüber zu fragen, zu staunen, schau auf das Detail wie auf den Zusammenhang, vergleiche und mache Dir ein Bild – denn nur durch die praktische Übung kann man diese spannende Kunst lernen!

Übrigens biete ich gerne, z.B. im Rahmen einer Schneeschuhtour, eine Winter-Naturführung zu Tieren im Winter an.

Waldwildnis und Kulturlandschaft oder: was ist ein Wald?

Vom Bahnhof Kranebitten aus gilt es in die Welt des Waldes einzutauchen und dabei der Frage nachzuspüren, welche Einflüsse der Mensch auf die Natur haben kann.P1070318Diese Naturführung habe ich als Abschlussarbeit für meine Naturführer-Ausbildung selbst konzipiert. Man durchwandert dabei zahlreiche unterschiedliche Lebensräume in einer ursprünglichen Natur direkt vor der Landeshauptstadt Innsbruck!P1010269

Zuerst durchwandern wir die artenreichen Südhänge mit denen das Karwendel ans Inntal grenzt. Hier, mit Blick über das ganze Inntal, finden sich artenreiche Wiesen und Hecken, die bei näherem Hinsehen komplexe Zusammenhänge offenbaren.

P1090238

P1090236

P1090208

Auf gut ausgetretenem Wanderweg durch einen klassischen Forst erreichen wir schnell eine ausblickreiche Höhe, auf der wir nun auf schmalen Pfaden ein ehemaliges Waldbrandgebiet mit seiner Blüten- und Insektenvielfalt entdecken.

P1070315P1070331

Anschließend geht es, immer noch auf ausgesetztem Wanderweg, der einige Trittsicherheit voraussetzt, in ein Naturwaldreservat. Hier wird der Wald ganz seiner natürlichen Entwicklung überlassen und es gibt nicht nur einiges über die knorrigen Baumriesen zu staunen, sondern auch über ihre Bewohner! Mit einigem Glück lassen sich sogar Gämsen beobachten, während wir versuchen mit allen Sinnen diesen Ort wahrzunehmen.P1070542Ein letzter Anstieg schließlich führt uns in einen klassischen Fichten-Kiefern-Bergwald, der den Abschluss zu den unterschiedlichen Baumgesellschaften bildet. Von hier können wir wieder auf befestigtem Wege zur Rauschbrunnen-Hütte und ins Tal absteigen.P1070432

Dauer: ganztags
Reine Gehzeit: 4,5 Std.
Höhenmeter/Länge: 850hm; 8km
Ausrüstung/Voraussetzungen: Trittsicherheit und Schwindelfreiheit; Jause
Treffpunkt: Bahnhof Kranebitten am Gleis (mit Bus und Bahn bequem erreichbar)
Einkehrtipp: Gasthof Rauschbrunnen

Preis: auf Anfrage